Ein Nachruf auf Ursula Gräfin zu Dohna

  • Datum: 03.07.2023
Zu sehen ist Ursula Gräfin zu Dohna mit 21 Jahren, mit Bruder und Vater (Foto aus Nachlass zu Dohna, um 1944). Das Foto ist eine schwarz-weiß Aufnahme. Die Familie hält sich in den Armen und lacht in die Kamera. Die Drei stehen vor einem berankten Gebäude in strahlendem Sonnenschein.
© Foto aus Nachlass zu Dohna, um 1944

Voll Eifer danach streben, das Gute zu tun.

Die HSWT trauert um unsere langjährige Dozentin Ursula Gräfin zu Dohna. Über Jahrzehnte unterrichtete sie an der Fakultät Landschaftsarchitektur „Geschichte der Gartenkunst“ und „Kalligraphie“ und war bundesweit hervorragend vernetzt. Engagiert gestaltete die Gräfin zu Dohna die deutsche Gartendenkmalpflege mit, war mehr als 20 Jahre als Mitglied im internationalen Komitee für historische Gärten Icomos aktiv und hat die deutschen Interessen bei der berühmten Charta von Florenz 1981 eingebracht. Nach ihrer Pensionierung zog sie 1983 nach Niedersachsen, wurde dort Ehrenvorsitzende der Niedersächsischen Gesellschaft zur Erhaltung historischer Gärten und stiftete dort ihre umfangreiche Bibliothek mit etwa 2.200 Büchern, die seitdem im Hardenberg’schen Haus in Herrenhausen öffentlich einsehbar sind.  Nach einem reichen Leben ist Ursula Gräfin zu Dohna am 5.6.2023 im Alter von 100 Jahren gestorben.

Im Gedenken an die engagierte Dozentin unserer Fakultät, die viele Generationen von Studierenden unterstützen und prägte, folgt ein Nachruf von Prof. Dr. Marcus Köhler (TU Dresden).

Prof. Dr. Swantje Duthweiler

 

 „Vermutlich ist es eines der letzten glücklichen Fotos, das Ursula Gräfin zu Dohna, ihren Bruder Fabian und ihren Vater Heinrich im heimatlichen Tolksdorf (poln. Tołkiny) zeigt. Wegen der Verstrickung in das Attentat auf Hitler wird der Vater am 14. September 1944 hingerichtet. Seine Frau und die Tochter Ursula werden in Gefängnishaft genommen. Während die Mutter schließlich ins Frauen-KZ Ravensbrück transportiert wird, kann die Tochter wieder nach Tolksdorf zurückkehren. Mit Hilfe von Verwandten und Einheimischen versucht sie als Einzige der Familie vor Ort, den fast 2000 Hektar großen Betrieb mit der renommierten Pferdezucht, an der auch ihr Herz hängt, vorzustehen. Vergeblich.

Als sie im ostpreußischen Winter 1945 vor der Sowjetarmee fliehen muss, wird die 22jährige wegen ihres tadellosen Leumunds und ihrer exzellenten Fähigkeiten im Umgang mit Pferden die Führerin eines großen Trecks gen Westen. Ortsansässige, Bedienstete und Familienmitglieder schließen sich an. Mit Mühe und Not erreichen sie schließlich das mecklenburgische Pinnow bei Stavenhagen. Eigentlich bleibt keine Zeit, doch folgt Ursula zu Dohna einem wagen Hinweis auf den Verbleib ihrer Mutter und gelangt im Schutz von Waldwegen und der Dunkelheit nach Ravensbrück, wo sie sie nur durch List wiedersehen kann.

Währenddessen formiert sich der Flüchtlingstreck neu. Ein Teil sucht sein Schicksal in Richtung Schleswig-Holstein, andere bleiben. Die verwandten Maltzahns in Pinnow, die um ihr zweifelhaftes Schicksal wussten, überlassen ihre Kinder dem neuen Treck in der Obhut ihrer Cousine. Das Ziel ist die Familie von ihrer Tante, Ilse Gräfin von Kanitz, im westfälischen Cappenberg.

Der neue Treck ist der zunehmenden Gefahr von Fliegerangriffen ausgesetzt. Am 20. April gilt es das Nadelöhr der Dömitzer Brücke an der Elbe zu passieren, auf der sie bereits mit Ästen getarnte Rüstungsfahrzeuge erspäht. Ein gefahrloses Passieren ist für die Pferde unmöglich, da sie scheuen würden. Als die junge Dohna am Himmel einen Reflex wahrnimmt, wird ihr klar, dass Bomber in Anflug sind. In Sekundenschnelle gibt sie Befehle und treibt Pferde und den Tross mit heftiger Gewalt, Kraft und Schnelligkeit voran. Als alle das Dannenberger Ufer erreichen, wird hinter ihnen die Brücke in Schutt und Asche gelegt. Ursula zu Dohna und ihr Treck sind die letzten, die die Brücke passiert haben.

Die Biographie der jungen Frau wird schließlich vom Nachkriegsdeutschland geprägt, von ihrer Lehre im Gartenbau, doch wird sie ihre ostpreußische Heimat nie vergessen. Dort hatte sie im Elternhaus gelernt, die Kargheit an Mitteln und Möglichkeiten durch Kunstsinn und Charakter zu veredeln. Ihre Liebe zur Kalligraphie und zur Kunst des Ikebana – die auf die Reduktion des Wesentlichen abzielt – entsprechen ihrem geradezu künstlerisch-strengen Sinn. 

In das Fach Gartengeschichte und Gartendenkmalpflege gerät sie eher als Seiteneinsteigerin. Mit Herta Gollwitzer, Mitbegründerin der DGGL und Lehrbeauftragten für die „Geschichte der Gartenkunst“ in Weihenstephan, weiß sie eine Förderin neben sich. Da Gollwitzer inhaltlich und sprachlich bei der Konstituierung der Charta von Florenz an ihre Grenzen gerät, übernimmt Ursula zu Dohna. Ihr ist letztlich das Verdienst zuzuschreiben, auf der deutschen Seite am Gelingen des Abkommens aktiven Anteil gehabt zu haben.

Da Ursula zu Dohna nichts Materielles geerbt hat, weiß sie, wie wichtig ideelle Werte sind. Sie lernte, dass Erbe nicht wirtschaftlich zu bemessen ist, sondern das Sprichwort gilt: „Was Du ererbt von den Vätern, erwerbe es, um es zu besitzen“. Ihr Augenmerkt fällt deshalb nach ihrer Pensionierung auf die privaten und historischen Gärten ihrer Wahlheimat. Sie wird zur Mitbegründerin der „Niedersächsischen Gesellschaft zur Erhaltung historischer Gärten“, die bis heute durch eine beigefügte Stiftung zahlreiche Projekte initiiert.  

Darüber hinaus bleibt ihr akademisches Interesse bis ins hohe Alter bestehen, wobei sie nicht nur Projekte und Publikationen (erinnert sei an die Gärten der preußischen Königskinder), sondern auch stets den wissenschaftlichen Nachwuchs im Auge behält.

Auf die Frage nach ihren überaus gelungenen, wissenschaftlichen und unterhaltsamen Publikationen kommend, antwortet sie einmal, dass sie nie gern geschrieben habe und jedes Wort deshalb abgewogen sei. Präzision, Strebsamkeit und Disziplin verlangt sie von sich und ihren Schülern und Schülerinnen in Weihenstephan. Ihr bleibt es immer unverständlich, warum die veredelnde Gartenkunst durch den Begriff des Freiraums ersetzt wurde. Angesichts der zunehmenden Vermarktung vertritt sie deshalb immer die Meinung, dass der Freiraum kein „freier“ Raum neoliberaler Wirtschaftsspiele sei, sondern ein Wert für sich. Vor dem Hintergrund der Denkmalpflege und letztendlich auch ihrer Familie agierte Ursula zu Dohna immer als aufrichtige Konservatorin.

In der Nacht von Sonntag, den 4. auf Montag, den 5. Juni 2023 ist Ursula zu Dohna, bei Familienmitgliedern und Freunden als „Tante Ulla“ und bei Kollegen als „Gartengräfin“ bekannt, im 101. Lebensjahr entschlafen.

Ihr Wirken und Handeln, das im Wesentlich im christlichen Glauben fußte, schien unter dem Motto zu stehen: Voll Eifer danach streben, das Gute zu tun (vgl. Tit. 2,15)“.

Prof. Dr. Marcus Köhler

 

 

  • Zu sehen ist Ursula Gräfin zu Dohna mit 21 Jahren, mit Bruder und Vater (Foto aus Nachlass zu Dohna, um 1944). Das Foto ist eine schwarz-weiß Aufnahme. Die Familie hält sich in den Armen und lacht in die Kamera. Die Drei stehen vor einem berankten Gebäude in strahlendem Sonnenschein.
    Gräfin zu Dohna mit 21 Jahren, mit Bruder und Vater (Foto aus Nachlass zu Dohna, um 1944) © Foto aus Nachlass zu Dohna, um 1944
  • Zu sehen ist Ursula Gräfin zu Dohna in einem fotografierten Portrait.
    Ursula Gräfin zu Dohna © stadtundgruen.de
  • Zu sehen ist Ursula Gräfin zu Dohna an ihrem 99. Geburtstag. Im Vordergrund steht auf einem gedeckten Tisch ein Kerzenständer, der ihren fragenden Blick rahmt..
    Gräfin zu Dohna an ihrem 99. Geburtstag © Marcus Köhler, 15.12.2021

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