16.07.2018 | Fakultät Wald und Forstwirtschaft

Weihenstephaner Forsttag: Experten sprechen über Wechselwirkung von Wald, Wild und Wolf

Prof. Dr. Fiona Schönfeld
Weihenstephaner Forsttag 2018
Weihenstephaner Forsttag 2018
Weihenstephaner Forsttag 2018
Weihenstephaner Forsttag 2018
Weihenstephaner Forsttag 2018
Weihenstephaner Forsttag 2018

Weihenstephan - Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf hat kürzlich zum Weihenstephaner Forsttag geladen. Etwa 180 Interessierte haben sich in sieben Vorträgen zu unterschiedlichen Fragestellungen rund um das Thema Wald - Wild - Wolf informiert.

Was bedeutet die Rückkehr des Wolfs konkret für das Ökosystem Wald?
Dr. Marco Heurich, Privatdozent an der Professur für Wildtierökologie und Wildtiermanagement der Uni Freiburg, verdeutlichte anhand von klassischen Räuber-Beute-Studien auf der Isle Royale und im Yellowstone-Nationalpark, dass Schlussfolgerungen zur Wechselwirkung von Prädator, Beutetier und Ökosystem nur nach langen Zeitreihen gezogen werden können. Vieles spreche zudem dafür, dass die Theorie der "landscape of fear" infrage gestellt werden müsse.

Welche Wechselwirkungen entstehen zwischen Wolf und Schalenwildarten?
Dipl.-Biologin Antje Weber vom Wolfskompetenzzentrum Iden in Sachsen-Anhalt belegte anhand von Ergebnissen aus dem Fotofallenmonitoring, dass nicht jede Begegnung von Wolf und Beutetier zu einer Stresssituation beim Schalenwild führt. Die potentielle Beute zeigt das ganze Spektrum an Verhaltensweisen: Von indifferentem Nebeneinander über aufmerksames Wahrnehmen des Beutegreifers bis hin zu Fluchtreaktionen. Bei der Analyse von Nutztierrissen zeigte sich, dass Hunde für bis zu 30 Prozent der gerissenen Haustiere verantwortlich sind.

Paul Lippitsch (M.Sc.) vom Senckenberg Institut in Görlitz beleuchtete das Nahrungsspektrum der Wölfe in Deutschland. Seine nahrungsökologischen Untersuchungen basieren auf 7.573 Wolfslosungen. Die Hauptbeute stellt mit durchschnittlich 50 Prozent Biomasse-Anteil in der Nahrung eindeutig das Rehwild dar. In den vergangenen Jahren stieg der Wildschweinanteil in der Wolfsnahrung erheblich. Ein nachhaltiger Einfluss auf die Wildschwein-Population wird jedoch nicht erwartet. Charakteristische Unterschiede in der Nahrungszusammensetzung der einzelnen Rudel konnten wiederholt festgestellt werden. So erbeutet das Rudel in der Königsbrücker Heide (Oberlausitz/Sachsen) vermehrt Biber.

Bewirken Wölfe Verhaltensänderungen bei ihren Beutetieren?
Dr. Frank-Uwe Michler vom Fachgebiet für Wildbiologie, Wildtiermanagement und Jagdbetriebskunde der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde referierte über ein Wildbiologisches Forschungsprojekt, bei dem das unmittelbare Interaktionsverhalten von Rotwild und Wölfen im Gebiet der DBU-Naturerbefläche Glücksburger Heide (Sachsen-Anhalt) mittels telemetrischer Methoden untersucht wird. Im Rahmen dieses Projektes wurden bis dato 25 Rothirsche beiderlei Geschlechts mit GSM-GPS-Sendern ausgestattet. Gleichzeitig wurden seit Februar 2017 zwei Wölfe mit GSM-GPS-Halsbandsendern markiert. Den innovativen Ansatz der Studie bilden die in den Sendern beider Wildarten integrierten Proximity-Sensoren. Nähern sich die Wölfe dem sendermarkierten Rotwild auf unter 150 Metern an, registrieren sich Wolfs- und Rotwildsender und messen permanent Entfernung und Bewegung beider Wildarten. Somit ist es erstmalig möglich, das unmittelbare Interaktionsverhalten des Raubtieres und seiner potentiellen Beutetiere zu untersuchen.

Was sagen die Erfahrungen aus Ländern, in denen der Wolf niemals abwesend war?
Die Frage nach dem Einfluss von Wölfen auf Populationen von großen Huftieren beleuchtete Prof. Henryk Okarma vom Institut für Naturschutz der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Obwohl der Einfluss der Prädation auf die Dynamik von Beutetierpopulationen seit Dekaden erforscht wird, konnte Prof. Okarma anhand diverser Forschungsergebnisse belegen, dass es bislang noch keine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt. Die Ursache dafür mag in den hochkomplexen Großprädatoren-Großungulaten-Systemen und deren hochvariablen Umweltbedingungen liegen. Jeder dieser Umweltfaktoren kann Einfluss haben auf die Intensität, mit der Wölfe ihre Beutetierpopulationen limitieren können, sowohl in geographischen Regionen als auch in derselben Region in unterschiedlichen Zeiträumen

Dr. Wibke Peters von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft referierte über "Wölfe, die versehentlich Karibu fraßen". In ihrer Fallstudie zur Habitatnutzung von Elchen und Karibus in einem Projektgebiet an der Grenze von Alberta und British Columbia untersuchte sie die Auswirkungen der anthropogenen Landnutzung auf die „Hypothese der räumlichen Trennung“. Es zeigte sich, dass in Lebensräumen mit hohem menschlichem Einfluss deutlich mehr Überlappung von Karibu- und Elchhabitat vorliegt und dass dadurch die bedrohten Karibus deutlich häufiger zur Beute von Wölfen werden, die eigentlich auf Elchjagd sind. Die vorgestellte Problematik verdeutlicht, dass bei der Untersuchung von ökologischen Zusammenhängen nach Möglichkeit das Gesamtbild der komplexen Wechselwirkungen betrachtet werden sollte und Räuber-Beute-Beziehungen stark von menschlichen Eingriffen abhängen können.

Stört der Wolf menschliche Jägerinnen und Jäger oder ist er ein "Mitjäger"? Müssen wir unsere jagdlichen Praktiken ändern?
Franz Graf von Plettenberg, Leiter des Bundesforstbetriebs Lausitz, und Dr. Markus Perpeet, Leiter des Bundesforstbetriebs Hohenfels, erläuterten als Co-Referenten ihre Erfahrungen zum "Jagen mit dem Wolf". So ist der Einfluss des Wolfs auf seine Beutetiere im Revier überwiegend unauffällig. Fotofallenaufnahmen belegen, dass Beutetiere den Wölfen nicht großräumig ausweichen. Gerade im Hinblick auf Rotwild zeigte sich, dass auch im Wolfsgebiet die für Rotwild geschlechtertypischen, saisonalen Raumnutzungsmuster existieren, wie sie aus wolfsfreien Gebieten bekannt sind. Das Rotwild zeigt dabei über die Jahre eine hohe Raumtreue. Insgesamt scheinen Reh, Schwarzwild und Rotwild sich wesentlich schneller an die erneute Präsenz des Wolfs zu gewöhnen als die jagenden Menschen dies tun.

Die Tagung verdeutlichte, dass Management nicht nur aus Maßnahmen rund um den Wolf, sondern auch ganz wesentlich aus Information und Erfahrungsaustausch besteht. Der Weihenstephaner Forsttag findet einmal jährlich statt, um das Spektrum von Wissenschaft bis zur Praxis zu beleuchten und zugleich Wissenstransfer und Netzwerkbildung zu fördern.

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