11.02.2019

Tagung zum Insektensterben: Dringender Handlungsbedarf

Christine Dötzer
Die Lebensräume von Insekten sind bedroht (Foto: Wolfram Adelmann)
Die Tagung am 23. Januar dieses Jahres war bis auf den letzten Platz besetzt (Foto: Wolfram Adelmann)
Caspar Hallmann von der Radboud-Universität Nimwegen hat mit seinen alarmierenden Forschungsergebnissen bereits international Aufsehen erregt (Foto: Wolfram Adelmann)
Vor allem die Jungen des Kiebitzes sind auf Insekten als Nahrung angewiesen (Foto: Christoph Moning)

Weihenstephan - Ende Januar informierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Tagung "Insektensterben... InsektenVielfalt!" an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) über Forschungsergebnisse zum Rückgang der Insektenpopulation. Eingeladen hatte die HSWT in Kooperation mit der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL). Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden stellten den rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern größtenteils alarmierende Erkenntnisse aus ihren Forschungsprojekten vor. Die Tagung bildete den Auftakt des ANL-Schwerpunktjahres "InsektenVielfalt" und richtete sich an Vertreter von Behörden, Verbänden und der Wirtschaft sowie an Lehrende, Studierende und interessierte Laien. Ziel war ein Wissenstransfer von der Forschung in den praktischen Naturschutz.

Insektensterben auch in Naturschutzgebieten und Wäldern

Der niederländische Ökologe Dr. Caspar Hallmann von der Radboud-Universität Nimwegen referierte über sein Forschungsprojekt zum Biomasserückgang bei fliegenden Insekten. Seine Erkenntnis: Innerhalb von 27 Jahren nahm die Biomasse in den 63 beobachteten Gebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg um mehr als 75% ab, die Menge an Insekten hat sich also drastisch verringert. Brisant ist insbesondere, dass diese Entwicklung in Naturschutzgebieten verzeichnet wurde. Noch sind die Gründe nicht hinreichend geklärt, jedoch forderte Hallmann, neben weiterer Ursachenforschung bereits jetzt Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Es gelte, die Lebensräume von Insekten zu schützen und die Landwirtschaft hin zu einer ökologischen Bewirtschaftung zu verändern. Maßnahmen zur Wiederbevölkerung bei Insekten hätten gute Erfolgsaussichten, da sich Bestände dank des schnellen Reproduktionszyklus von Insekten in vergleichsweise kurzer Zeit erholen.

In dieselbe Richtung wie Hallmanns Ergebnisse weist eine von Dr. Sebastian Seibold, Technische Universität München (TUM), vorgestellte, bislang unveröffentlichte Studie. Diese stellte außerhalb von Schutzgebieten einen noch stärkeren Rückgang der Insekten fest. Sie zeigt, dass insbesondere im Grünland, also auf landwirtschaftlich genutzten Wiesen oder Weiden, sowohl die Insektenbiomasse als auch die Artenzahlen rückläufig sind. Das war in besonderem Maße auf Flächen festzustellen, die in sehr intensiv landwirtschaftlich genutzten Landschaften liegen. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass auch in Wäldern die Insektenpopulationen kleiner werden, die Ursachen dafür sind jedoch noch weitgehend unklar.

Ebenfalls für Insektenfresser ein Problem

Die Tagung behandelte zudem die Konsequenzen der negativen Bestandsentwicklung für die Fressfeinde der Insekten. Prof. Dr. Christoph Moning von der HSWT verwies auf den Zusammenhang zwischen Insektenrückgang und Lebensraumansprüchen von Kiebitzen: Vor allem deren Junge sind auf Insekten als Nahrung angewiesen, finden diese in konventioneller Landwirtschaft jedoch fast ausschließlich an Ackerrändern, wo sie selbst leichte Beute für Fressfeinde sind. Mehr Strukturvielfalt in der Umgebung würde für eine erhöhte Nahrungsverfügbarkeit sorgen. Isabelle Bablitschko und Nicole Reger von der HSWT stellten die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeiten vor, in denen sie die Zusammenhänge zwischen den Quartierstandorten der Zwergfledermaus und der umgebenden Landschaft untersuchten. Die Insektenfresser kommen vor allem in siedlungsnahen Gebieten vor und sind darauf angewiesen, dass dort insektenfreundliche Strukturen bestehen.

Maßnahmen dringend notwendig

Hinsichtlich der notwendigen Schritte zum Wohl der Insekten lässt sich aus den Ergebnissen der insgesamt neun Forscherinnen und Forscher folgern: Die Lebensräume und -bedingungen von Insekten müssen bei der Landschaftsplanung sowie in der Land- und Forstwirtschaft stärker berücksichtigt werden. Dazu wird an vielen Stellen ein Umdenken nötig sein, etwa bei der Bewirtschaftung von Wäldern oder bei Anbausystemen in der Agrarwirtschaft. Die Tagungsleiter Prof. Dr. Christoph Moning, HSWT, und Dr. Wolfram Adelmann von der ANL machten zum Abschluss der Veranstaltung deutlich: Das Wissen darum, wie die Biodiversität gefördert werden kann, ist vorhanden; nun gilt es, dieses umzusetzen.

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