Claim Hochschule Weihenstephan-Triesdorf - University of Applied Sciences
20.01.2020

Rettungsübung für den Ernstfall: Der Klimawandel macht die Waldarbeit gefährlicher

Christine Dötzer
Eines von vier Übungsszenarien: Eine Waldarbeiterin, dargestellt von Studentin Franziska Dengler, hat sich bei der Arbeit mit der Seilweinde schwer am Unterschenkel verletzt. Um sie bergen zu können, muss die Feuerwehr den Baumstamm fachgerecht zersägen. (Foto: HSWT)
Täuschend echt wurde der offene Bruch am Unterschenkel nachgebildet. Solche drastischen Darstellungen sollen die Gegebenheiten so real wie möglich wirken lassen, um das Agieren unter Stress trainieren zu können. (Foto: HSWT)
Ein weiteres Übungsszenario: Ein Waldarbeiter wurde von einem Baumstamm erschlagen. Zum Glück ist es hier nur ein Dummy, der "wiederbelebt" werden muss. (Foto: HSWT)
In diesem Übungsszenario hat ein Ast die Scheibe eines Schleppers durchschlagen und dem Fahrer schwere Verletzungen an Oberkörper und Kopf zugefügt. (Foto: HSWT)
An der HSWT wird derzeit der Ansatz getestet, die Kürzel der bayernweiten Rettungspunkte mittels Aufklebern an Arbeitsgerätschaften jederzeit einsehbar zu machen. Im Notfall sind sie eine essenzielle Information für die Einsatzkräfte. (Foto: HSWT)
Regina Lauffer, Bachelorstudentin Forstingenieurwesen im fünften Semester, war beeindruckt, wie real die Übungsszenarien wirken. Sie fühlt sich durch die Übung besser auf etwaige Notfälle im zukünftigen Arbeitsleben vorbereitet. (Foto: HSWT)
Regina Lauffer und ein Kommilitone bei der Übung: In der Rolle einer Forstwirtin beziehungsweise eines Forstwirts finden sie ihren Kollegen, der von einer herabfallenden Baumkrone getroffen wurde. Nun geht es darum, dass sie die Rettungskette in Gang setzen und dem Kollegen beistehen, bis die Einsatzkräfte vor Ort sind. (Foto: HSWT)
Die Studierenden Johanna, Maximilian und Daniel (von links) sind sich einig: Solche Rettungsübungen gehören zum forstlichen Studium unbedingt dazu. (Foto: HSWT)
Florian Rauschmayr (links) erklärt einer Gruppe von Studierenden, worauf beim anstehenden Übungsszenario zu achten ist. (Foto: HSWT)
Damit sich niemand wundert, klärt dieses Schild auf. (Foto: HSWT)

Weihenstephan - Eine Waldarbeiterin steht schreiend, mit schockverzerrtem Gesicht und blutüberströmtem Bein an einer Maschine, darum herum eine große Gruppe Schaulustiger, einige haben sogar ihr Handy gezückt und fotografieren. Zwei Trupps aus Rettungssanitäterinnen und -sanitätern sowie Feuerwehrfrauen und -männern eilen im Laufschritt durchs Gehölz, zwischen den Bäumen blinken Blaulichter, aus Funkgeräten rauschen Wortfetzen wie "Blutverlust" und "Hubschrauber". Ein furchtbarer Unfall, würde man als zufällig vorbeikommender Passant denken, und wie dreist, dass die Leute gaffen statt zu helfen. "Vorsicht! Forstliche Übung" kündigt an diesem Januardonnerstag jedoch ein Schild am Weltwald Freising an, und zum Glück ist dieses Szenario nicht Wirklichkeit, sondern eine Rettungsübung für Studierende im Studiengang Forstingenieurwesen an der HSWT. Florian Rauschmayr, Dozent im Bereich Waldarbeit und Walderschließung an der Fakultät 'Wald und Forstwirtschaft', und Bernd Mazzolini, Außendienstleiter Prävention bei der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, haben die Übung initiiert, die Werkfeuerwehr Weihenstephan sowie die Rettungsdienstschule München beteiligen sich. Es ist die erste Rettungsübung dieser Größenordnung an der HSWT.

Die anwesenden 104 Studierenden, aber auch die 24 Auszubildenden der Rettungsdienstschule sowie die Frauen und Männer der Feuerwehr trainieren bei der Übung, was bei Unfällen im Wald zu tun ist, und lernen insbesondere, wie Rettungskette und Logistik im oft abgelegenen Gelände funktionieren. Deshalb ist in diesem Fall "Gaffen" ausdrücklich erwünscht.

Vier Szenarien werden durchgespielt - vier verschiedene schwere Unfälle, die leider so oder so ähnlich bereits in Wirklichkeit geschehen sind, wie Rauschmayr berichtet. Bei jeder Übung schlüpfen jeweils drei Studierende in die Rolle von Forstwirtinnen beziehungsweise -wirten, die gemeinsam im Wald arbeiten, einer von ihnen mimt das Unfallopfer. Teilweise stellen die Studierenden Schmerz und Panik so überzeugend dar, dass unter den Zuschauerinnen und Zuschauern eine fast schon betroffen wirkende Stille herrscht.

Jeweils zwei weitere Studierende übernehmen die Rollen der Revierleiterin oder des Revierleiters und der Forstbetriebsleiterin beziehungsweise des Forstbetriebsleiters - im Berufsleben nach ihrem Studienabschluss werden viele Absolventinnen und Absolventen tatsächlich diese Positionen innehaben.

Die Rettungspunkte sind das A und O

Einer der wichtigsten Begriffe des Tages ist "FS 1035" - so lautet die Bezeichnung für den nächstgelegenen Rettungspunkt. Rauschmayr hat sie in den Vorlesungen und Kleingruppenübungen, die der großen Rettungsübung vorausgegangen sind, so oft mit den Studierenden wiederholt, dass jede und jeder sie verinnerlicht hat. Denn die bayernweiten Rettungspunkte, so erläutert er, sind essenziell für einen reibungslosen Ablauf der Rettungskette: "Gerade in einem derart unüberschaubaren Gelände wie einem Wald ist es wichtig, dass die Einsatzkräfte genau wissen, wo sie hinmüssen. Als Projekt an der HSWT testen wir derzeit neue Ansätze, die sicherstellen sollen, dass Waldarbeiter stets den nächstgelegenen Rettungspunkt kennen: Zum Beispiel Aufkleber mit dem Rettungspunktkürzel auf Gerätschaften wie Kettensägen." In der Hektik eines Notfalls genügt dann ein Blick darauf, um die richtige Angabe machen zu können.

Gespielter Notfall - echter Stress

Welch eine enorme Belastung ein schwerer Unfall bei Helferinnen und Helfern hervorrufen kann, erahnt man selbst bei den Übungen. "Erstaunlich, wie viel Stress man spürt, als wäre es ein Ernstfall", resümiert Studentin Regina Lauffer nach ihrem Einsatz bei Übung vier. Sie war gerade in der Rolle einer Waldarbeiterin, die einen Kollegen auffindet, der von einer Baumkrone getroffen wurde und schwere Kopfverletzungen davongezogen hat. "Ich finde es gut, dass man bei dieser Übung das, was man in der Theorie über solche Notfälle lernt, praktisch anwenden kann. Ich denke, das prägt sich über Jahre ein. Für einen eventuellen Ernstfall fühle ich mich jetzt besser vorbereitet." Auch die Studierenden Johanna, Daniel und Max sind sich einig, dass solche Übungen wichtig sind. "Mindestens einmal im Studium sollte jeder Student an einer Rettungsübung teilnehmen", findet Daniel, und Johanna ergänzt: "Idealerweise sogar öfter."

Klimawandel erhöht die Gefahr im Wald

Notfälle bei Waldarbeiten treten in den letzten Jahren gehäuft auf: Im Jahr 2019 gab es 20 Prozent mehr forstliche Unfälle als in den Jahren zuvor, berichtet Mazzolini. Allein in den ersten acht Monaten ereigneten sich 25 tödliche Unfälle und somit mehr als im gesamten Jahr 2018. Rauschmayr sieht die Ursache dafür im Klimawandel: "Hitze, Stürme und Borkenkäferbefall führen dazu, dass die Bäume instabiler sind als früher. Das kann fatale Folgen haben: Buchen beispielsweise sterben von oben, also von der Krone her ab, man sieht es vom Boden aus nicht. Schlägt man dann in den Baumstamm, kann es passieren, dass die komplette Krone herunterfällt." Bedenkt man, dass bereits ein einzelner, ein Kilogramm schwerer Ast bei einer Fallhöhe von 15 Metern mit der Wucht eines Gewichts von 800 Kilogramm aufschlägt, wie Mazzolini vorrechnet, wird die Gefahr drastisch deutlich. "Im Wald sehen wir den Klimawandel, wir können ihn richtiggehend messen", betont Rauschmayr. Er nennt zwei Bausteine, die nötig sind, um den damit einhergehenden Gefahren zu begegnen: Zum einen tragen Forschung und Innovation dazu bei, das Unfallrisiko zu verringern, beispielsweise durch optimierte Maschinen wie ferngesteuerte Fällhilfen. An der HSWT wird diese Technik bereits in die Lehre integriert. Zum anderen praxisnahe Übungen wie die heutige, um im Ernstfall Menschenleben retten zu können. Ein Großteil der schweren Unfälle bei der Waldarbeit ereignen sich allerdings bei privaten Waldbesitzern - auch diese sollten sich also in Übungen schulen lassen.

Übungen sollen jährlich stattfinden

Rauschmayr und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter möchten derartige Rettungsübungen von nun an jedes Jahr durchführen. Erste Planungen dazu sind bereits im Gange. Mit im Boot werden dann wie auch dieses Mal die Bayerischen Staatsforsten (BaySF) sein, in deren Gebiet der HSWT-Lehrwald, der den Weltwald mit einschließt, liegt. Der Freisinger Servicestellenleiter Andreas Schwaiger ist vom Konzept überzeugt: "Es ist absolut sinnvoll, das Verhalten in Notfallsituationen einzuüben. Bei der BaySF findet auch jedes Jahr eine Übung für die bei uns tätigen Forstwirtinnen und -wirte statt. Die Übung an der HSWT ist auf zukünftige Revierleiter zugeschnitten, also auf die Vorgesetzten der Forstwirte. Deshalb ergänzen sich die Übungen sehr gut. Für nächstes Jahr ist angedacht, die Notfallszenarien auf Bereiche jenseits der forstlichen Arbeit zu erweitern und beispielsweise Szenarien aus dem Arbeitsalltag von Jägerinnen und Jägern mit aufzunehmen."

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