Claim Hochschule Weihenstephan-Triesdorf - University of Applied Sciences

Der CO2-Fußabdruck von Äpfeln und Tomaten


Beim Einkaufen in den einheimischen Supermarktketten hat der Verbraucher die Qual der Wahl. Für welches Produkt soll er sich entscheiden? Für einen Apfel aus regionalem Anbau oder einen Apfel aus Übersee? Obst und Gemüse aus verschiedensten Anbaugebieten legen teilweise mehrere tausend Kilometer zurück, bis sie die Ladentheke erreichen. Im Hinblick auf den viel diskutierten Klimawandel stellt sich die Frage: Wie klimafreundlich sind die Herstellung und der Konsum von Lebensmitteln?
Der Klimaeffekt von Lebensmitteln rückt immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Verwendung des CO2-Fußabdruckes (oder des Product Carbon Footprint (PCF)) erweist sich als geeignetes Instrument zur Messung der Klimawirkung von Produkten. In zahlreichen wissenschaftlichen Studien wurden mehrere CO2-Fußabdücke für Obst und Gemüse erstellt. Doch wie hoch ist der Nutzen für die Unternehmen der grünen Branche und die Verbraucher? Welchen praktischen Einsatz findet der CO2-Fußabdruck im Unternehmen?

Footprint Apfel
Apfel mit Footprint-Abdruck

Unter CO2-Fußabdruck versteht man die Menge der Treibhausgase, die bei der Herstellung eines Produktes bzw. einer Dienstleistung entlang der gesamten Wertschöpfungskette entsteht. Entlang des gesamten Lebensweges eines Produktes, beginnend mit der Entnahme der Rohstoffe bis zur Verwertung oder Entsorgung nach dem Gebrauch, werden alle Treibhausgase (Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4), Lachgas (N2O), teilhalogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFCs), etc.) berücksichtigt.
Infolge der Ermittlung des Carbon Footprint werden Produktionsprozesse durchleuchtet. Dadurch werden Energie- bzw. CO2-Einsparpotentiale aufgedeckt, was auch zur Kostenreduzierung bei den Akteuren der Wertschöpfungsketten beitragen kann. Die Ausweisung des CO2-Fußabdruckes auf Produkten kann dem Konsumenten bei der Kaufentscheidung helfen, ein klimafreundliches Produkt zu wählen. Zeitgleich werden Unternehmen angespornt, ihren CO2-Ausstoß zu reduzieren. Bei der CO2-Berechnung können die Unternehmen Wettbewerbsvorteile durch Benchmarking der ökologisch bewerteten Produkte erreichen.

Tomatenanbau unter Glas
Tomatenproduktion im Gewächshaus

Zur Bestimmung des Product Carbon Footprint existieren momentan mehrere international gültige Standards, wie die  ISO-Normenreihe 14040:2006 und 14044:2006, oder der britische Standard PAS 2050:2011. Ein international verbindlicher ISO-Standard (ISO 14067) zum Product Carbon Footprint ist derzeit in Arbeit. Die europäische Kommission hat zwei neue Richtlinien für den Environmental Footprinting von Organisationen und Produkten veröffentlicht. Dennoch besteht noch Bedarf nach einer einheitlichen Methodik zur standardisierten und vergleichbaren Ermittlung des PCFs bei Obst und Gemüse. Die Ermittlung des CO2-Fußabdruckes birgt derzeit noch einige Schwierigkeiten. Die noch uneinheitlichen Annahmen und  Berechnungsmethodik sind bislang mit hohem Aufwand verbunden und die  Datenerfassung stellt sich nach wie vor nicht ganz einfach dar.
Aktuell wird an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf  eine Studie zur CO2-Bilanzierung von Äpfeln und Tomaten bearbeitet. Schwerpunkt der Studie liegt bei der ganzheitlichen Erfassung des CO2-Ausstoßes über die gesamte Wertschöpfungskette, beginnend vom Produktionsbetrieb über den Groß- bzw. Einzelhandel bis hin zum Verbraucher. Bei der Ermittlung des CO2-Footprints werden verschiedene Phasen in der Wertschöpfungskette, wie Herstellung und Transport der Rohstoffe und Vorprodukte, Produktion, Distribution, Nutzung und Entsorgung berücksichtigt.


Lebenszyklus von Produkten: Bsp. Äpfel und Tomaten

Um ermitteln zu können, an welchen Stellen der Wertschöpfungskette CO2-Reduktionspotentiale vorhanden sind und wie diesen begegnet werden kann, werden für die Berechnungen des CO2-Footprint verschiedene Parameter entlang der jeweiligen Wertschöpfungskette variiert. Ein wesentlicher Aspekt der Studie ist die Variabilität innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette herauszuarbeiten und entsprechende Modelle zur Abschätzung der Klimawirkungen unter Berücksichtigung wechselnder Einflussfaktoren zu entwickeln. Die Entwicklung von Modellen, die eine Abschätzung der Klimawirkungen bei veränderten Voraussetzungen ermöglichen, bildet dann später auch die Grundlage, um die Ergebnisse auf weitere Produkte und Wertschöpfungsketten im Bereich Obst und Gemüse übertragen zu können.
Die Ergebnisse der sich anschließenden CO2-Footprint-Berechnungen sollen in einem weiteren Schritt in eine entsprechende Kennzeichnung umgesetzt werden, um dem Konsumenten eine Orientierungshilfe bei dessen Kaufentscheidung an die Hand zu geben.
Die Erhebung von Daten auf der Produktions-  und Handelsebene, sowie  dem Einkaufs- und Verwendungsverhalten der Verbraucher erfolgte mit umfangreicher Unterstützung von den in der Studie beteiligten Erzeugerorganisationen, Vermarktungsunternehmen und des Lebensmitteleinzelhandels. Nach Abschluss der Datenerfassung sollen Stoff- und Energiebilanzen als Grundlage für die Berechnung des CO2-Footprints erstellt werden.
Im Laufe des Carbon Footprint-Projekts wird auch ein dynamisches Berechnungstool auf Excel-Basis entwickelt. Das Analyse-Tool ermöglicht die flexible Ermittlung der jeweiligen CO2-Emissionen und die Errechnung der CO2-Einsparungen, insbesondere nach prozessorientierten Änderungen in der Produktion bzw. in der nachgelagerten Stufe der Lieferkette der gartenbaulichen Produkte. Mit dem  Analyse-Tool soll dem Produktionsbetrieb bzw. dem Händler eine kostenfreie und einfach zugängliche Anwendung zur CO2-Berechnung bereitgestellt werden, um die eigenen Emissionen zu messen und diese in regelmäßigen Abständen zu aktualisieren.
Neben der Ermittlung der  CO2-Reduktionspotentiale entlang der gesamten Wertschöpfungskette ist ein weiteres Ziel des Projekts herauszufinden, wie der Aufwand bei der Erhebung und Aktualisierung der Daten verringert werden könnte. Das Forschungsprojekt wird voraussichtlich im August  2014 abgeschlossen sein.

Welche Standards gibt es?

Um die Berechnung der produktspezifischen CO2-Bilanz annähernd vergleichbar zu machen, existieren weltweit mehrere Standards. Diese sind hier vor allem der PAS 2050 (Public Available Specification) von der British Standards Institution (BSI), das GHG-Protocol (Greenhouse Gas Protocol) vom World Resources Institute sowie die ISO Norm 14067, die bisher als Entwurf existiert und Ende 2012 ihre finale Veröffentlichung findet.
Doch das komplexe System der gartenbaulichen Produktion brachte bei der praktischen Berechnung immer wieder methodische Unsicherheiten mit sich. Diese sollen nun mit dem erst kürzlich veröffentlichten ersten branchenspezifischen Standard, dem PAS 2050-1 Horticulture weitgehend ausgeschaltet werden. Dieser wurde von einem europäischen Expertengremium aus dem Bereich der PCF-Berechnung von Gartenbauprodukten unter der Führung des BSI erarbeitet und im Februar veröffentlicht.

Damit hat der Gartenbau, als eine der ersten Branchen überhaupt, einen auf die Anforderungen der gartenbaulichen Produktion zugeschnittenen internationalen Standard erreicht und nimmt somit eine Vorreiterrolle ein. Der Gartenbaustandard umfasst dabei die Berechnung "bis zum Werkstor des Gärtners". Für eine komplette Betrachtung inklusive Vermarktung und Verbraucher greifen dann die Anforderungen des regulären Standards PAS 2050. Im Unterglasanbau spielt natürlich der Energieverbrauch (Wärme, Strom) in den meisten Fällen eine zentrale Rolle bei der Berechnung des PCF. Nur Energie alleine zu betrachten reicht nicht aus, wie das Beispiel von Gewächshauserdbeeren aus den Niederlanden zeigt: Ein Viertel der Emissionen des gesamten Produktionsprozesses entstehen durch Lagerung, Verpackung, Transport, sowie Kultursubstrat und Düngung.

Aktuell werden derzeit an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zwei Projekte zur CO2-Bilanzierung von Gartenbauprodukten bearbeitet. In einem Teilprojekt werden dabei Äpfel und Tomaten untersucht und der Schwerpunkt auf die Kommunikation zum Endverbraucher mit der Entwicklung eines speziellen Labels gelegt. In einem zweiten Projekt, das unter dem Dach des deutschlandweiten Forschungsverbundes WeGa läuft, werden Spargel, Erdbeeren, Schnittrosen und Topforchideen untersucht. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Integration des Verbraucherverhaltens in die Berechnung der CO2-Bilanz, denn auch der Verbraucher hat durch sein Verhalten einen nicht unerheblichen Einfluss auf die gesamte CO2-Bilanz. Beide Projekte haben als Wirtschaftspartner große Vermarkter aus dem Gartenbau zur Seite, die hier mit ihrem Engagement die Forderung des Handels zu transparenter und nachhaltiger Produktion aufgreifen.

Fazit

Die Berechnung des CO2-Fußabdruckes von Produkten kann gärtnerischen Unternehmen helfen, ihre Emissionstreiber entlang der Wertschöpfungskette zu messen, zu managen und zu reduzieren. Dies ist letztlich nicht nur gut für die Umwelt, sondern spart Kosten und kann eventuell im Marketing genutzt werden. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Berechnung von Fachleuten nach den geltenden internationalen Standards durchgeführt und dokumentiert worden ist.

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Infodienst Weihenstephan - November 2013

Marketing

Verfasser

Ergül Rumyana

rumyana.erguel [at]hswt.de