Claim Hochschule Weihenstephan-Triesdorf - University of Applied Sciences

Forschungsprojekt Energiewende und Waldbiodiversität

Die Verwendung von Holz als Energieträger hat in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. Dadurch ergeben sich Zielkonflikte zwischen Energiepolitik und Naturschutz. Es ist jedoch nicht bekannt, wie sich die Intensivierung der Energieholznutzung auf die Biodiversität auswirkt. Deshalb erteilte das Bundesamt für Naturschutz den Auftrag, „basierend auf einer Bewertung der aktuellen und prognostizierten Entwicklungen der Waldenergieholznachfrage und deren Auswirkungen auf die Wälder in Deutschland Empfehlungen für die „Neuausrichtung“ waldbaulicher Handlungsoptionen unter der Bedingung synergistischer bzw. indifferenter Auswirkungen auf naturschutzfachliche Ziele zu geben“.

Das Forschungs-und Entwicklungsvorhaben wurde an der Fakultät Wald und Forstwirtschaft von September 2012 bis Dezember 2015 bearbeitet. Wesentlich für die erfolgreiche Durchführung war das interdisziplinäre Zusammenwirken der Lehrgebiete Ressourcenschutz und Nachhaltssicherung (Prof. Dr. Andreas Rothe), Botanik und Vegetationskunde (Prof. Dr. Jörg Ewald), Zoologie, Wildtierökologie und Entomologie (Prof. Dr. Volker Zahner) und Holzenergie (Prof. Dr. Stefan Wittkopf).

Das Projektlogo zeigt den Mittelspecht als typischen Bewohner von Eichenwäldern, die über Jahrtausende als Quelle für Brennholz genutzt wurden; durch das Anlegen von Baumhöhlen schaffen Spechte Lebensraum für viele waldspezifische Tierarten.
Projektlogo

Das Projektlogo zeigt den Mittelspecht als typischen Bewohner von Eichenwäldern, die über Jahrtausende als Quelle für Brennholz genutzt wurden; durch das Anlegen von Baumhöhlen schaffen Spechte Lebensraum für viele waldspezifische Tierarten.

Zielsetzung

Im Projekt sollten folgende Fragen geklärt werden:

  • Wie wirkt sich eine verstärkte Energieholznutzung auf die Biodiversität aus?
  • Welche Energieholzmengen sind nachhaltig nutzbar, ohne die Waldbiodiversität zu beeinträchtigen?
  • Welche Steuerungsinstrumente regeln derzeit die Energieholznutzung?
  • Wie wird das Thema „Energieholznutzung und Waldbiodiversität“ von den beteiligten Akteuren wahrgenommen?

Schließlich wurde in einem bundesweiten Wettbewerb nach Praxisbeispielen gesucht, die Energieholznutzung und Naturschutz in vorbildlicher Weise vereinen.

Die Mittelwaldbewirtschaftung im Gerolfinger Eichenwald bei Ingolstadt vereint Artenvielfalt, Brennholznutzung und Erholung in vorbildlicher Weise.
Die Mittelwaldbewirtschaftung im Gerolfinger Eichenwald bei Ingolstadt vereint Artenvielfalt, Brennholznutzung und Erholung in vorbildlicher Weise.

Vorgehen

Die Methoden orientierten sich am DPSIR-Schema: Naturschutzfachliche Steuerung löst Reaktionen (Impacts) der Biodiversität aus, welche direkt vom Ökosystemzustand (State) abhängen. Diese werden durch Waldpflege und Holzernte (Pressures) gesteuert, welche ihrerseits von ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Driving Forces) abhängen. Naturschutzfachliche Indikatoren sollen gesellschaftliche Antworten (Responses) hervorrufen, die den Schutzgütern zu Gute kommen.

Wirkungsindikatoren wurden mit Methoden der Naturschutzbiologie untersucht. Dabei wurde erstmals auch eine bundesweite Analyse des Zusammenhangs von waldökologischen Strukturparametern (nach Bundeswaldinventur BWI) und Vogelindikatoren (Monitoring des Dachverbands Deutscher Avifaunisten DAA) durchgeführt. Anhand von Potenzialstudien wurde untersucht, welche Energieholzmengen unter Beachtung von Biodiversi­tätsaspekten nachhaltig nutzbar sind. Dies fand sowohl für die drei Modellgebiete „Bayerisches Oberland“, „Märkisch Oderland“ und „Kulturlandkreis Höxter“ wie für das gesamte Bundesgebiet statt. Gesellschaftliches Umfeld und politische Steuerung wurden für Bayern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen durch Befragungen von Waldbewirtschaftern und Naturschutzverbänden analysiert.

Ergebnisse

Die Wälder in Deutschland sind derzeit in einem guten Zustand, obwohl die Energieholznutzung in den letzten 10 Jahren deutlich angestiegen ist. Nach Bundeswaldinventur (BWI) lässt die Entwicklung der naturschutzfachlich bedeutsamen Waldstrukturen bislang keine Auswirkungen einer verstärkten Energieholznutzung erkennen. Die Eingriffe in den Holzvorrat werden durch den Zuwachs überkompensiert und haben weder zu einem überregionalen Rückgang dicker, alter Bäume noch zu einer Verarmung an Baumarten geführt. Auch bei den Waldvogelgemeinschaften lassen sich bisher keine negativen Auswirkungen der gesteigerten Nutzung nachweisen.

Das Waldenergieholzpotenzial wird derzeit weitgehend ausgeschöpft. Regional vorhandene zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten im Privatwald sind aufgrund schwieriger Bewirtschaftungsverhältnisse und fehlenden Eigentümerinteresses nur eingeschränkt realisierbar. Zusätzliche Nutzungen als Beitrag zur Energiewende wären deshalb nur auf Kosten der stofflichen Holzverwendung und/oder der Biodiversität möglich. Andererseits ist die jetzige Intensität der Energieholznutzung nachhaltig und unter Beachtung gewisser Grundregeln ohne Beeinträchtigung der Biodiversität möglich.

Waldbauliche Regeln und Nutzungsobergrenzen sind eine politische Entscheidung, die auf einer Einigung der Akteure basieren muss. Gesellschaftlicher Konsens muss, gestützt durch politische Steuerung, vor allem auf der lokalen Ebene gefunden werden. Bisher sind Energie-, Wald- und Naturschutzpolitik in dieser Hinsicht kaum abgestimmt und die notwendige Priorisierung der Ziele fehlt. In den naturschutzfachlichen und, noch bemerkenswerter, in den forstlichen Steuerungsinstrumenten findet man kaum dezidierte Aussagen zur Energieholznutzung. Die Akteure sehen die Waldenergieholznutzung bisher überwiegend positiv. Negative Rückmeldungen seitens der Bevölkerung und von Naturschützern sind selten. Naturschutzverbände befassen sich derzeit kaum mit dem Thema Waldenergieholz. Die meisten Bedenken zur Waldenergieholznutzung beziehen sich auf eine mögliche Übernutzung und damit auf die Forstwirtschaft insgesamt.

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„Leuchttürme gesucht“: Im Rahmen des Projektes wurden bundesweit fünf „Good Practice“ ausgezeichnet, die Energieholznutzung und Naturschutz vereinbaren.
Wettbewerb "Leuchttürme gesucht"

„Leuchttürme gesucht“: Im Rahmen des Projektes wurden bundesweit fünf „Good Practice“ ausgezeichnet, die Energieholznutzung und Naturschutz vereinbaren.

Empfehlungen

Bei allen Schwierigkeiten, Energieholznutzung von anderen Effekten der Holznutzung auf die Biodiversität zu trennen, lassen sich einige Empfehlungen für das Waldmanagement ableiten. Dabei reagieren Ökosysteme und Artengruppen so unterschiedlich, dass empfohlen wird nach Waldtypen zu differenzieren.

In naturnahen Buchenmischwäldern kann eine Energieholznutzung neben der normalen Stammholznutzung stattfinden. Die größte Gefahr einer intensivierten Energieholznutzung stellt in diesen Wäldern der Verlust von Totholz und Altholzstrukturen dar. Hier gilt es durch geeignete Maßnahmen einen Strukturerhalt sowohl auf Landschafts- wie auf Bestandsebene anzustreben und dabei die für die herkömmliche forstwirtschaftliche Praxis aufgestellten Empfehlungen zu beachten und umzusetzen.

In den anderen Waldtypen spielen lichte Waldstrukturen eine wichtige Rolle für die Biodiversität. Hier können viele seltene Baumarten und zahlreiche andere gefährdete Habitatspezialisten lichter Wälder durch Waldenergieholznutzung erhalten und sogar gefördert werden. Klassische Beispiele sind Wälder der traditionellen Kulturlandschaft, die erst durch eine intensive Energieholznutzung entstanden sind und eine hohe Biodiversität aufweisen. Moderne Konzepte der Waldrandgestaltung integrieren mittelwaldartige Komponenten in das Waldmanagement und erzeugen dabei Synergien zwischen Energieholznutzung und Biodiversität. Derartige Nutzungsformen sollten in dafür geeigneten Gebieten gefördert werden. Als Beispiel sei hierfür an allererster Stelle die Mittelwaldbewirtschaftung in Eichenmischwäldern, Auwäldern und an Waldrändern genannt.

Die naturverträgliche Nutzung von Waldenergieholz bedarf der Mitwirkung der Akteure vor Ort. Oft ist mit Verboten, aber auch mit finanziellen Anreizen nur wenig gewonnen, denn gerade bei der Brennholznutzung sind Traditionen, Emotionen, aber auch gemeinschaftlicher Konsens nicht zu unterschätzende Faktoren. Wichtig ist deshalb, Menschen bei ihren Bedürfnissen abzuholen und ihnen die Synergieeffekte und naturschutzfachliche Risiken in offener Kommunikation nahezubringen. Die im Rahmen des Wettbewerbs ausgezeichneten Praxisbeispiele liefern für die Einbindung von Akteuren hervorragende Beispiele. Die bisher hohe Akzeptanz der Energieholznutzung bietet günstige Voraussetzungen, im gemeinsamen Dialog zwischen Forst, Naturschutz und Energieproduzenten Lösungen zu erarbeiten, wie Zielkonflikte bei der Energieholznutzung vermieden werden können.

Infodienst Weihenstephan - September 2016

Forschung Wald und Forstwirtschaft

Projektbearbeitung (in zeitlicher Reihenfolge)

Dr. Patrick Pyttel | Anja Schiessl | Christina Schumann | Dr. Miriam Hansbauer

Projektmitwirkende

Prof. Dr. Stefan Wittkopf | Prof. Dr. Volker Zahner

Projektdauer

01.10.2012 – 31.12.2015

Projektförderung

Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

Abstract

Das Spannungsverhältnis zwischen Energieholznutzung und Waldnaturschutz wurde mit forstwirtschaftlichen, naturschutzbiologischen und sozialempirischen Methoden untersucht. Die Beobachtung der Waldstrukturen und Vogelgemeinschaften seit der Energiewende lässt bislang keinen Trend zur Verschlechterung der Lebensräume erkennen. Da die Nutzungspotenziale weitgehend ausgeschöpft sind, würde eine weitere Intensivierung jedoch auf Kosten der stofflichen Verwendung und/oder der Biodiversität gehen. Forstwirtschaft und Naturschutz nehmen die Energieholznutzung bislang kaum als eigenständiges Problem wahr. Für das erfolgreiche Management sind flächenwirksame Konzepte zur Erhaltung von Totholz, Alt- und Biotopbäumen entscheidend. Good Practice-Beispiele zeigen, wie in Eichenmischwäldern, Auwäldern und an laubholzreichen Waldrändern Energieholznutzung zur Biotoppflege beitragen kann. Der Erfolg solcher Projekte hängt maßgeblich von der Beteiligung der Akteure vor Ort ab.