Wie kann der Torfausstieg im Hobby-Garten gelingen?

Um diese Frage dreht sich das Modell- und Demonstrationsvorhaben HOT („Hobby-Gartenbau mit torfreduzierten und torffreien Substraten auf Basis nachwachsender Rohstoffe“). Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) erarbeitet in Kooperation mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), der GreenSurvey GmbH sowie der Fachhochschule Erfurt dazu seit April 2022 Empfehlungen für Hobbygärtner:innen sowie die Substratindustrie und den Handel.
Wenn die Blumenerde plötzlich anders ist
Ein warmer Frühlingstag. Auf dem Balkon steht ein frisch bepflanzter Blumenkasten mit einjährigen Balkonblumen. Die Blätter wirken noch zart, ein wenig unsicher – als müssten sie sich erst an ihre neue Umgebung gewöhnen. „Irgendwas stimmt nicht“, sagt die Hobbygärtnerin und befühlt die Blumenerde zwischen ihren Fingern. Sie fühlt sich gröber, fasriger, strukturreicher an. Anders als sonst. Kein Wunder, steht doch seit diesem Jahr “torffrei” auf dem Sack aus dem Gartencenter.
Was im ersten Moment wie ein kleines Detail klingt, markiert in Wahrheit einen großen Umbruch – für Millionen Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner, für Hersteller von Blumenerden und für den Handel. Denn mit dem Abschied vom Torf beginnt eine neue Ära des Gärtnerns.
Der stille Klimaschützer vor unserer Haustür
Torf ist ein unscheinbarer Stoff – dunkel, leicht, scheinbar unspektakulär. Und doch steckt in ihm enorme klimatische Sprengkraft. Moore, in denen sich Torf in vielen Jahrhunderten gebildet hat, sind effektive Kohlenstoffspeicher. Werden diese Moore trockengelegt, um daraus Torf zu gewinnen, wird CO2 in die Atmosphäre freigesetzt. In Deutschland wird Torf bereits seit den 80er Jahren nicht mehr aus Mooren, sondern auf ehemaligen land- und/oder forstwirtschaftlich genutzten Flächen abgebaut.
Genau hier setzt die Torfminderungsstrategie des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) von 2022 an: Bis 2030 soll im Erwerbsgartenbau weitgehend auf Torf verzichtet werden, im Hobbybereich sollte dies sogar schon bis 2026 vollständig erreicht sein. Ein ambitioniertes Ziel – und eines, das die Branche spürbar unter Druck setzt.
Inzwischen, nach mehr als vier Jahren Forschung und laufendem Folgeprojekt, ist man nicht mehr ganz so weit von dem Ziel entfernt: 2025 bestand Blumenerde im Consumer-Bereich nur noch zu 33 Prozent aus Torf. Das ist deutlich weniger als noch 2019 mit 55 Prozent, aber noch weit von der Ziellinie entfernt. Doch die Anteile der Substitute gewinnen stetig an Bedeutung, was die Zahlen von IVG (Industrieverband Garten e. V.) und GGS (Gütegemeinschaft Substrate für Pflanzen e. V.) für 2025 zeigen: Grüngutkompost (36 Prozent), Holzfasern (17 Prozent), Rindenhumus (6 Prozent) und Kokosprodukte (2 Prozent).
Torf hat die Nutzenden verwöhnt
Doch so vielversprechend diese Zahlen auch klingen – sie erzählen nur die halbe Geschichte: „Torf ist ein nahezu perfekter Ausgangsstoff“, sagt eine Projektmitarbeiterin aus dem Modell- und Demonstrationsvorhaben HOT. „Er speichert Wasser hervorragend, ist nährstoffarm und damit gut steuerbar – er hat uns gewissermaßen verwöhnt.“ Und genau darin liegt das Problem: Kein Ersatzstoff kann diese Eigenschaften eins zu eins nachbilden. Jede Mischung verhält sich anders – chemisch, physikalisch, biologisch. Für die Forschung ist das eine spannende Herausforderung. Für Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner oft eine Quelle der Verunsicherung.
Im HOT-Projekt zeigt sich immer wieder: Viele unterschätzen die Bedeutung von Torf – oder wissen schlicht zu wenig über seine Herkunft und seine Auswirkungen auf das Klima. „Es fehlt an Aufklärung“, so eine Erkenntnis aus dem Projekt. „Und ohne Verständnis entsteht kaum Akzeptanz.“
Neue Regeln für ein gutes Wachstum im Hobby-Garten
Die Pflanzen wachsen, brauchen aber mehr Aufmerksamkeit. Denn torffreies Gärtnern funktioniert nach neuen Regeln:
Die Düngung verändert sich grundlegend
Grüngutkompost bringt bereits viele Nährstoffe mit, vor allem Phosphor und Kalium. Wer hier „wie früher“ düngt, riskiert Überversorgung. Gleichzeitig kann es an Stickstoff mangeln, besonders in Substraten mit Holzfasern. Mikroorganismen binden ihn so schnell, dass Pflanzen ihn nicht aufnehmen können. Die Folge: blasse Blätter, schwaches Wachstum. „Dann muss schnell reagiert werden“, heißt es aus dem Projekt. Stickstoff nachdüngen – und zwar gezielt.
Gießen wird zur neuen Herausforderung
Torf speichert Wasser wie ein Schwamm. Viele Ersatzstoffe können das nicht. Die Erde trocknet schneller aus. Das bedeutet: öfter gießen, dafür in kleineren Mengen. Ein scheinbar kleines Detail mit großer Wirkung. Denn bisher war Düngen oft an das Gießen gekoppelt: einmal pro Woche Flüssigdünger ins Gießwasser. Doch wenn weniger Wasser aufgenommen wird, sinkt automatisch die Düngermenge. Deshalb empfehlen die Forschenden, Düngung und Bewässerung zu trennen und Nährstoffe gezielt pro Pflanze und unabhängig vom Gießrhythmus zu verabreichen.
Herausforderungen für die Substratindustrie und den Handel
Während sich Hobbygärtner:inen anpassen müssen, muss sich die Substratindustrie mit der wichtigen Frage auseinandersetzen: Woher kommen genügend hochwertige Rohstoffe? Besonders gefragt ist Grüngutkompost. Doch nicht jeder Kompost eignet sich. Nur sortenreiner Grünschnitt mit ausreichend Holzanteil liefert die nötige Qualität. Komposte aus Bioabfällen sind oft zu salz- und nährstoffreich und unreifer Kompost kann Schäden verursachen – ein Albtraum für Hersteller und Kundschaft gleichermaßen.
Der Handel muss besonderen Augenmerk auf die Lagerung legen. Vor den Gartencentern und Baumärkten stapeln sich im Frühjahr Paletten mit Blumenerde, oft unter freiem Himmel. Regen durchnässt die Säcke, sie werden schwer, teilweise unhandlich. Im Inneren können Sauerstoffmangel und Qualitätsverluste entstehen. Hier gibt es laut den Forschenden noch viel Verbesserungsbedarf.
Hobby-Gartenbau mit torfreduzierten und torffreien Substraten auf Basis nachwachsender Rohstoffe (HOT)
In dem vom BMLEH geförderten Projekt arbeiten Wissenschaftler:innen der der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, des Instituts für Marktforschung GreenSurvey und der Fachhochschule Erfurt gemeinsam daran, dass der Umstieg auf torffreie Substrate für Hobbygärtnerinnen und -gärtner erfolgreich verläuft.
In HOT1 (Teilvorhaben Demonstrationsprojekte und Fachinformationen / Teilvorhaben Marketingempfehlungen) waren Entscheidungsprozesse und Einflussfaktoren für die Blumenerdewahl von Hobbygärtner:innen Gegenstand der Untersuchung. Wissenslücken beim Umgang mit torfreduzierten bzw. torffreien Blumenerden wurden identifiziert und entsprechende Schulungsunterlagen erstellt, um diesen entgegenzuwirken.
Im Folgeprojekt HOT2 (Teilvorhaben Erfolg mit torffreien Blumenerden & praktisches Wissen für Hobbygärtner:innen / Teilvorhaben Nutzung torffreier Blumenerden – Alltagshandeln von Hobbygärtner:innen) werden einzelne Fragestellungen erneut aufgegriffen, vertieft und um zusätzliche Aspekte ergänzt.
Zum einen gibt es weitere empirische Forschungen für ein besseres Verständnis der Hobbygärtner:innen und deren Verhalten beim Kauf und der Verwendung von Blumenerden: Die Professur für Marketing und Management Nachwachsender Rohstoffe untersucht z. B. dieses Jahr mithilfe von qualitativen Interviews in Reallaboren, wie Hobbygärtner:innen ohne Hilfe und Unterstützung Pflanzen pflegen, wo diese sich informieren, wo und wie diese einkaufen sowie deren Grundeinstellungen zu Torfreduktion und Nachhaltigkeit. Im Jahr 2027 werden dann, ebenfalls mithilfe qualitativer Interviews, die im HOT1-Projekt entwickelten Kommunikations- und Informationsmaterialien hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit und Praktikabilität untersucht.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Konzepten und Maßnahmen, um die generierten Ergebnisse weiter in die Öffentlichkeit zu tragen. Hierzu werden gezielt Formate für Multiplikator:innen auf Herstellungs-, Handels- und Beratungsebene entwickelt, die diese darin schulen sollen, verschiedene Zielgruppen für das torffreie Gärtnern zu sensibilisieren und sie in der Anwendung von torffreien Substraten zu unterstützen.
Reallabor mit Bürger:innen liefert Anwendungserkenntnisse
In einem Reallabor arbeiten Wissenschaft und Praxis eng zusammen. In diesem experimentellen Vorgehen wurden Forschungserkenntnisse direkt aus der Anwendung im praktischen Leben gewonnen. Bürger:innen als Teil der Wissenschaft tragen mit ihrem Engagement einen wichtigen Teil zum Erkenntnisgewinn bei. In diesem Modell- und Demonstrationsvorhaben beteiligten sich verschiedene Hobbygärtner:innen drei Jahre lang im Projekt. Sie erhielten Pflanzen in verschiedenen torfreduzierten und torffreien Blumenerden und dokumentietren in einem Tagebuch, wann und wie viel sie die Pflanzen gegossen und wie oft sie diese gedüngt haben sowie das Gedeihen der Pflanzen.
Erkenntnisse aus dem Einsatz von Reallaboren
Die Reallabore und Demonstrationspflanzungen zeigen eindrucksvoll: Torfreduzierte und torffreie Substrate ermöglichen durchweg erfolgreiche Kulturen, vorausgesetzt, Düngung und Bewässerung werden konsequent angepasst. Als zentraler Erfolgsfaktor erwies sich ein substratspezifisches Management. Insbesondere die Nährstoffversorgung profitierte von stickstoffbetonten Düngern und einer vereinfachten, mengenbasierten Dosierung je Pflanzgefäß. Dieses Vorgehen reduzierte Anwendungsfehler deutlich und führte zu gleichmäßigeren Versorgungszuständen als klassische, gießwasserbasierte Empfehlungen.
Parallel wurde deutlich, dass torffreie Substrate aufgrund geringerer Wasserhaltefähigkeit häufiger, jedoch in kleineren Mengen bewässert werden müssen. Technische Hilfsmittel wie Wasserspeicherkästen können den Pflegeaufwand reduzieren, kompensieren die physikalischen Unterschiede aber nur teilweise und bergen bei anhaltender Nässe Risiken. Zuschlagstoffe wie Superabsorber oder Netzmittel zeigten hingegen kaum praxistaugliche Effekte.
Insgesamt zeigen die Reallabore: Die Transformation hin zu torffreien Systemen ist gärtnerisch machbar – verlangt jedoch Wissenstransfer, klare Anwendungsempfehlungen und eine deutliche Verbesserung der Produktqualität.
Wissenstransfer zu Bevölkerung, Substratindustrie und Handel
Der Torfausstieg ist mehr als eine technische Umstellung. Er ist ein kultureller Wandel. Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner müssen umlernen. Industrie und Handel müssen neue Standards entwickeln. Und alle gemeinsam müssen lernen, mit Unsicherheiten umzugehen.
Das HOT-Projekt setzt genau an dieser Stelle an und hat hierzu vielfältige Informations- und Schulungsmaterialien entwickelt:
- einen Online-Kurs „Torffrei-Gärtnern“ mit Hintergrundinformationen zum Torfaustieg sowie einer Einkaufs- und Anwendungshilfe;
- ein Erklär-Video, das die Entstehung von Torf, seine Alternativen und die Besonderheiten, die beim torffreien Gärtnern beachtet werden müssen, zeigt;
- verschiedene Informationsflyer, die in der Interaktion mit Kund:innen genutzt werden können:
- eine Online-Schulungsplattform „Torffrei-Handeln“ für Substratindustrie und Handel, auf der die wichtigsten Projektergebnisse zusammengetragen werden
Ziel aller kommunikativen Maßnahmen ist es, das Wissen aus der Forschung und Entwicklung der Praxis zugänglich zu machen – und Vertrauen aufzubauen. Denn am Ende entscheidet nicht nur die Qualität und der Preis der Blumenerde über den Erfolg, sondern auch das Gefühl.
Aktuell: Schau- und Demonstrationspflanzungen am Campus Weihenstephan
Erleben Sie vor Ort, wie erfolgreich Gärtnern mit torffreien Blumenerden funktioniert. Unsere Schau- und Demonstrationspflanzungen an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) bieten praktische Anregungen für Garten, Balkon und Terrasse.
Standort: Freising, Am Staudengarten 14, gegenüber dem Kleingarten für Gemüse und Obst (siehe Lageplan)
Geöffnet: Anfang April bis Ende September, täglich von 9:00 bis 18:00 Uhr. Der Besuch ist kostenfrei. Für Gruppen werden nach Anmeldung kostenlose Führungen angeboten.



