• 16.02.2026
  • Werkstattgespräch
  • Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois

Verarbeitung und Vermarktung von Bioprodukten optimieren

Jemand greift auf einem Marktstand nach einem Lauch
© Ivory Production

Tanja Strobel-Unbehaun von der Fakultät Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung (FKLT) erforscht die Darstellung und Optimierung der Verarbeitungsstruktur für Produkte aus ökologischer Landwirtschaft in Bayern. Das vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus geförderte Vorhaben soll mehr Transparenz über den Markt sowie die regionalen Verarbeitungsstrukturen und -potenziale ökologisch erzeugter Produkte in Bayern schaffen. Fakultätskollege Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois fragte bei Tanja Strobel-Unbehaun im Rahmen der “Triesdorfer Werkstattgespräche” nach, wie sich die Situation vor Ort darstellt und welche Perspektiven es für die Zukunft gibt.

Warum reicht es nicht aus, einfach die Biofläche zu erhöhen, um die politischen Ziele für den Ökolandbau zu erreichen?

Tanja Strobel-Unbehaun: Mehr Fläche bedeutet nicht automatisch mehr Bio-Produkte im Regal. Wenn regionale (Vor-)Verarbeitungsstrukturen, Lagerung und Logistik, aber auch Vermarktung nicht mitwachsen, bleibt ein Großteil des Potenzials ungenutzt. Ohne Mühlen, Molkereien oder Ölpressen, die Bio-Rohstoffe abnehmen und veredeln, entstehen Engpässe in der Wertschöpfungskette. Entscheidend ist also, dass mit dem Flächenwachstum auch Strukturen entstehen, die Bio-Produkte vom Acker bis zu den Verbrauchern und Verbraucherinnen bringen.

Welche Lücken bestehen aktuell in den bioregionalen Verarbeitungsketten und warum sind sie so problematisch?

In vielen Regionen fehlen zentrale Glieder der Ketten etwa in der nachgelagerten Verarbeitung, insbesondere bei der Gemüseverarbeitung, der Aufbereitung von Ölsaaten und Speiseleguminosen, der Schlachtung von Geflügel und Schweinen sowie der Herstellung von Futtermitteln. Diese Lücken führen zu einer unzureichenden regionalen Veredelung und erschweren das Schließen von Wertschöpfungsketten. Durch fehlende Verarbeitungsstufen gehen ökologische und ökonomische Vorteile einer regionalen Produktion verloren.

Welche Strategien oder Modelle haben sich in der Praxis bewährt, um funktionierende Biowertschöpfungsketten aufzubauen?

Best-Practice Beispiele zeigen, dass langfristig angelegte, partnerschaftliche Kooperationsmodelle erfolgreich sind. Unternehmen wie Barnhouse, Voelkel, Biokaiser Bäckerei oder Neumarkter Lammsbräu kombinieren regionale Beschaffung mit langfristigen Verträgen und fairer Preisgestaltung. Diese Modelle beruhen auf gegenseitigem Vertrauen und Transparenz entlang der Kette. Sie schaffen nicht nur ökonomische Stabilität, sondern stärken auch soziale und ökologische Nachhaltigkeitsdimensionen. Hier können auch Öko-Modellregionen einen wichtigen Impuls setzen und wertvolle Arbeit leisten.

Welche politischen und strukturellen Maßnahmen sind notwendig, damit Bio sein volles Potenzial entfalten kann?

Politik kann die Rahmenbedingungen für Investitionen und Kooperationen verbessern – etwa durch gezielte Förderung regionaler (mittelständisch geprägter) Verarbeitungsstrukturen, den Ausbau von Plattformen und Marktforschung oder Programme zur Innovationsförderung. Entscheidend ist, dass Förderinstrumente nicht nur Erzeugung, sondern auch Verarbeitung und Vermarktung einbeziehen. Zudem braucht es Vernetzungsplattformen, die Akteure regional zusammenbringen.

Was können Regionen konkret tun, um mehr Wertschöpfung vor Ort zu halten und die Umstellung auf Bio zu erleichtern?

Regionen können aktiv Lücken in ihren Bio-Wertschöpfungsketten identifizieren, Kooperationen initiieren und gezielt Investoren ansprechen. Initiativen wie die Öko-Modellregionen zeigen, dass regionale Steuerungsansätze die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel stärken können. Durch gezielte Standortanalysen, Clustermanagement und Unterstützung gemeinsamer Vermarktungsstrategien lässt sich regionale Wertschöpfung erhöhen und der Transformationsprozess hin zu einem resilienten Ökolandbau beschleunigen.

Wie wirkt sich der Mangel an Markttransparenz und Daten auf die Planung von Landwirten und Landwirtinnen sowie Verarbeitern aus?

Ohne belastbare Daten zu Mengen, Preisen oder Kapazitäten fehlen beiden Seiten Planungssicherheit. Landwirtschaftliche Unternehmen wissen nicht, ob es für neue Kulturen oder Umstellungsware eine regionale Nachfrage gibt. Verarbeitungsunternehmen wiederum können schwer abschätzen, welche Rohstoffe künftig verfügbar sein werden. Diese Unsicherheit hemmt Investitionen und Innovationen – sie führt dazu, dass Chancen ungenutzt bleiben. Die Folge ist eine Fragmentierung des Marktes, die den systematischen Ausbau des Ökolandbaus hemmt.

Warum ist das Zusammenspiel von Erzeugung und Verarbeitung so entscheidend für den Ausbau des Ökolandbaus?

Beide stehen in einem engen Verhältnis zueinander: Die landwirtschaftliche Produktion benötigt stabile Abnahme- und Preissicherheiten, während die Verarbeitung auf kontinuierliche Rohstoffverfügbarkeit angewiesen ist. Fehlende Abstimmung führt zu strukturellen Ungleichgewichten – etwa Überproduktion ohne Absatzkanal oder Unterauslastung von Verarbeitungsanlagen. Erfolgreiche Wertschöpfungsketten zeichnen sich durch Vertrauen, gemeinsame Planung und partnerschaftliche Entwicklung aus. Eine koordinierte Entwicklung beider Sektoren ist somit Voraussetzung für die Effizienz, Resilienz und Skalierbarkeit ökologischer Wertschöpfungsnetzwerke.

Triesdorfer Werkstattgespräche

Die Triesdorfer Werkstattgespräche sind eine lose Reihe von fachlichen Interviews an der Fakultät Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung am Campus Triesdorf. Initiiert wurden diese von Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois, der auch zumeist die Interviews führt. Bisher gibt es folgende Interviews: