• 15.01.2026
  • Werkstattgespräch
  • Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois

Larven der Schwarzen Soldatenfliege als Proteinfuttermittel

Makroaufnahme von vielen Larven auf braunem Substrat
Larven der Schwarzen Soldatenfliege auf einem Nährsubstrat © Peter Wilbois

Interview im Rahmen der Triesdorfer Werkstattgespräche

Die Schwarze Soldatenfliege (BSF) kann aus einer Vielzahl von organischen Materialen hochwertiges Proteinfuttermittel erzeugen. Sie ist anspruchslos und wandelt wenig wertvolles Material in hochwertiges Eiweiß und Fett um. Dies trägt zu einer nachhaltigen Nutzung organischer Reste bei, die sonst entsorgt würden. Prof. Dr. Jörg Rühle von der Fakultät Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung forscht am Campus Triesdorf intensiv zur Schwarzen Soldatenfliege (BSF). Sein Fakultätskollege Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois führte das Gespräch.

Wie trägt die Zucht von Soldatenfliegenlarven zu einer angestrebten Kreislaufwirtschaft bei, insbesondere im Hinblick auf die Verwertung von sonst ungenutzten organischen Abfällen?

Die BSF kann aus einer Vielzahl von organischen Materialen hochwertiges Proteinfuttermittel erzeugen. Sie ist anspruchslos und wenig wählerisch, was die Nahrungsgrundlage angeht, wobei aus einer optimierten Zusammenstellung an Nährstoffen ein deutlich besseres Wachstum resultiert. Aus wenig wertvollem organischen Material kann die Soldatenfliege hochwertiges Eiweiß und Fett erzeugen. Die erzeugte Menge und die Qualität des Eiweißes, sprich die Zusammensetzung aus essentiellen Aminosäuren, sind dem des Sojaextraktionsschrotes durchaus ebenbürtig.

Organische Reste müssen also nicht zwangsweise entsorgt oder kompostiert werden, sondern tragen im Rahmen einer effizienten Umwandlung in hochwertiges Futtermittel zu einer nachhaltigen Verwendung in der Nahrungskette bei. Der Fraß bzw. die Reste nach dem Absieben der BSF können in der Biogasanlage energetisch verwendet werden und kommen dem Biogaserzeugungswert von Maissilage sehr nahe.

Welche ökologischen Vorteile bietet die Nutzung von Soldatenfliegenlarven als Proteinquelle im Vergleich zu traditionellen Futtermitteln wie Soja oder Fischmehl?

Beim Fischmehl handelt es sich um ein sehr hochwertiges Proteinfuttermittel, das sich über Jahrzehnte in der Tierernährung bewährt hat. Aufgrund der Überfischung der Weltmeere ist die Verwendung von Fischmehl jedoch zu hinterfragen. Mit der Dezimierung der Fischbestände entgleist das ökologische Gleichgewicht der Weltmeere. Hier könnte die BSF eine wichtige Alternative zum Fischmehl bieten.

Soja ist ebenfalls ein ausgezeichnetes und hochwertiges pflanzliches Proteinfuttermittel. Allerdings kommt ein Großteil des Sojas aus Süd- und Nordamerika. Die Umwandlung von Regenwald in Ackerfläche ist maßgeblich der Ausdehnung des Sojaanbaus in Südamerika geschuldet. Zudem versursacht Soja durch den interkontinentalen Transport erhebliche CO2eq-Emissionen. Ein Teil des Sojas als Proteinquelle kann durch die heimisch erzeugte BSF ersetzt werden. Somit lassen sich die CO2eq-Emissionen deutlich reduzieren. Der Regenwald wird geschont und freiwerdende Ackerflächen stehen zur Nahrungsmittelerzeugung bei einer anhaltend wachsenden Weltbevölkerung zur Verfügung.

Porträt von Jörg Rühle, Professor an der HSWT.

In unserem Kulturkreis tun wir uns noch schwer, Insekten zu füttern oder gar zu verzehren. Durch Aufklärung und Kommunikation könnten dabei Vorbehalte abgebaut werden. Eine Verkostung von Insektenprodukten könnte helfen, den Genuss daran zu entdecken.

Prof. Dr. Jörg Rühle
Tierernährung, Futtermittelkunde, Qualitätsmanagement

Welche Rolle können die Larven der BSF mittel- bis langfristig bei der Proteinversorgung von monogastrischen Nutztieren wie Schweinen und Geflügel spielen, und gibt es bereits praktische Erfahrungen in der Fütterung?

Die BSF bzw. deren Mehl darf als tierisches Futtermittel nicht in der Wiederkäuerfütterung eingesetzt werden. Jedoch kann es andere Proteinquellen in Rationen für Schweine, Geflügel und Fisch teilweise oder gänzlich ersetzen. In zahlreichen Hunde- und Katzenfutter ist die BSF bereits ein fester Bestandteil. Das Fett der BSF besteht zu 50 % aus der antibakteriell wirkenden Laurinsäure. Dadurch wird die Gesundheit und somit das Tierwohl positiv beeinflusst, wie unterschiedliche Studien und Untersuchungen an Tieren belegt haben.  

Herzulande wird die BSF noch wenig in der Fütterung von landwirtschaftlichen Nutztieren eingesetzt. Jedoch wird die BSF in Ländern wie beispielsweise Thailand und Uganda bereits flächendeckend als Proteinfuttermittel verwendet. Grund dafür ist, dass die besagten Länder wenig finanzielle Möglichkeiten haben teures Übersee-Soja einzukaufen. Zudem können in den besagten Ländern im Gegensatz zur EU, Lebensmittelreste zur Fütterung der BSF verwendet werden.

Wie könnten BSF-Larven zur globalen Ernährungssicherung innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen beitragen?

Wir haben weltweit eine begrenzte Menge an landwirtschaftlicher Nutzfläche bei einer zugleich wachsenden Weltbevölkerung. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erreichen wir voraussichtlich eine Weltbevölkerung von ca. 10 Milliarden Menschen. Während heute ca. 2300 m2 Fläche zur Ernährung eines Menschen jährlich zur Verfügung stehen, sind es 2050 schätzungsweise nur noch 1500 m2

Allein in Deutschland fallen jährlich mehr als 11 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an, davon ca. 60 % in privaten Haushalten. Diese Mengen sind willkommene Futtergrundlagen für unterschiedliche Insektenarten zur Bereicherung der Nahrungsgrundlage. Dabei wird kein einziger Hektar mehr an landwirtschaftlicher Fläche benötigt – also eine flächenunabhängige Futtermittel- bzw. Nahrungsmittelerzeugung.

Insekten generell und besonders die BSF haben im Vergleich zum Schwein und Geflügel eine vergleichsweise geringe Anforderung an die Haltung und Fütterung. In Entwicklungsländern mit wenigen technischen und finanziellen Möglichkeiten, lassen sich die BSF zur Schließung der Proteinlücke mit überschaubar geringen Mitteln erzeugen. Aus diesem Grund empfiehlt die Welternährungsorganisation die Haltung und Züchtung der BSF in ärmeren, sich entwickelnden Regionen der Welt.

  • Larve mit darunterliegendem Lineal
    Messen einer BSF Larve © Peter Wilbois
  • Mittelalter Mann in weißem Laborkittel hält eine Aluschale mit noch einigen Larven darin
    Prof. Dr. Jörg Rühle beim Forschen mit Schwarzen Soldatenfliegenlarven © Peter Wilbois

Gibt es Vorbehalte oder Missverständnisse in der Öffentlichkeit gegenüber der Nutzung von Insekten und deren Larven als Futter- oder Lebensmittel, und wie könnte man diese gegebenenfalls abbauen?

In unserem Kulturkreis tun wir uns noch schwer Insekten zu füttern oder gar zu verzehren. Das mag damit zusammenhängen, dass Bilder von Fliegen, die beispielsweise totes Fleisch besiedeln, dominieren. Es ist oftmals unbekannt, dass nicht das ganze Tier, sondern das daraus entstehende Insektenmehl für die Zubereitung von Futtermitteln oder Speisen verwendet wird.

Anhaltende Aufklärung und Kommunikation können helfen, Vorbehalte abzubauen. Unter anderem kann eine Verkostung von Insektenprodukten helfen, den Genuss daran zu entdecken. Während hierzulande bislang noch verhaltenes Interesse an Insekten festzustellen ist, bestehen beispielsweise bei unseren unmittelbaren Nachbarn in Frankreich wesentlich weniger Berührungsängste. 

Die Präsenz und Wahrnehmung der Insektenzucht auf der weltgrößten Messe für tierische Erzeugung, der EuroTier, hat sich 2024 innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt. Auch wenn die Gewöhnung an Insekten als Nahrungs- bzw. Futtermittel hierzulande erst langsam in Gang kommt, ist die Insektenzucht weltweit auf dem Vormarsch.

Triesdorfer Werkstattgespräche

Die Triesdorfer Werkstattgespräche sind eine lose Reihe von fachlichen Interviews an der Fakultät Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung am Campus Triesdorf. Initiiert wurden diese von Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois, der auch zumeist die Interviews führt. Zusätzlich gibt es in dieser Reihe folgende Interviews: