• 27.07.2026
  • Dr. Christina Hans

Globale Ungleichheit im Maßstab 1:100: Live-Experiment entlarvt systemische Privilegien

Viele Menschen sitzen beim Globo Dinner der HSWT an Bierbänken
100 Teilnehmende bei einem besonderen Abendessen an der HSWT: 'Globo-Dinner' © Josef Gangkofer

Wie lässt sich die ungleiche Verteilung globaler Ressourcen so darstellen, dass sie nicht nur als abstrakte Statistik in wissenschaftlichen Arbeiten verbleibt, sondern ein Umdenken anstößt? Ein sozialwissenschaftliches Live-Experiment, basierend auf dem Sachbuch „Unser kleines Dorf – Die Welt mit 100 Menschen“ von Josef Nussbaumer, Andreas Exenberger und Stefan Neuner liefert hierzu emotionale und sehr unmittelbare Erkenntnisse über Privilegien.

Beim Globo Dinner an der HSWT gab es je nach Losglück auch nur einen Teller mit Reis
Das Angebot unterscheidet sich deutlich: Immerhin gibt es an diesem Tisch noch einen Teller Reis. © Josef Gangkofer
Beim Globo Dinner der HSWT weist der reich gefüllte Teller und das Gedeck auf eine reiche Person hin.
Dieses Menü dagegen ist reichhaltig und wird am festlich gedeckten Tisch serviert. © Josef Gangkofer

Losglück und schlechtes Gewissen – Rollentausch mit Spielregeln

Wissenschaftliche Daten zur globalen Ungerechtigkeit sind hinlänglich bekannt, führen in der Praxis aber selten zu spürbaren Konsequenzen. Um das greifbar zu machen, lud die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) gemeinsam mit der Domberg Akademie, der Agenda21-Gruppe „Faires Forum“ und der Kolpingsfamilie Freising e. V. 100 Teilnehmende zu einem besonderen Abendessen ein: dem „Globo-Dinner“. Dabei wurde die Weltbevölkerung proportional auf 100 Personen verkleinert, was die globale Schieflage physisch und emotional erlebbar machte.

Während eine kleine Minderheit von 10 Prozent im Überfluss lebt und an einer reich gedeckten Tafel mit Wein und einem Drei-Gänge-Menü Platz nehmen durfte, erhielt die Mehrheit der Teilnehmenden (60 Prozent) nur Reis und Wasser. Die restlichen 30 Prozent saßen an leeren Tischen ohne Essen und Getränke und hatten gar keinen Zugang zu Lebensmitteln. Die Reaktionen der per Los zugeordneten geladenen Gäste reichten von Ohnmacht und Wut bis hin zu Schuldgefühlen.

  • Auf einem Zettel steht beschrieben, welche Person man beim Globo Dinner der HSWT verkörpert
    Die Anweisungen entscheiden, an welchem Tisch Platz genommen werden darf © Christina Hans
  • Beim Globodinner der HSWT werden die Plätze ausgelost und entscheiden über das Speiseangebot. Das Schild auf der Bierbank zeigt wenig Oros.
    Die Anzahl Oro entscheidet, wie üppig der Tisch gedeckt sein wird. © Josef Gangkofer
  • Die Personen auf dem Foto durften beim Globodinner der HSWT am reich gedeckten Tisch Platz nehmen.
    Mit 100 Oro pro Tag ist der Tisch reich gedeckt. © Josef Gangkofer

Das Experiment offenbarte ein zentrales Phänomen: Ungleichheit bleibt oft stabil, weil wir uns an die vorgegebenen Strukturen anpassen. Versuche, Essen und Getränke solidarisch umzuverteilen, wurden von der Spielleitung bewusst unterbunden und sanktioniert. Wer helfen wollte, wurde in die am wenigsten privilegierte Gruppe „strafversetzt“. Die bittere Logik dahinter spiegelt die Realität wider: In unseren globalen Strukturen wird egoistisches Verhalten oft belohnt, während faires Handeln zunächst Nachteile für einen selbst bringen kann. Ungleichheit verfestigt sich also nicht nur durch Gesetze, sondern durch unser tägliches Mitmachen. Das Hinterfragen eigener Privilegien ist daher der erste Schritt für echte Veränderungen. 

Hebel für globale Gerechtigkeit: die landwirtschaftliche Wertschöpfungskette im Fokus

Um den strukturellen Ursachen dieser Ungerechtigkeit auf die Spur zu kommen, schlossen sich an das Dinner Interviews mit Expertinnen und Experten an. Die Gespräche orientierten sich an der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette, vom Acker bis zum Abfall.

Die Ungerechtigkeit beginnt bereits ganz am Anfang der Kette, bei der landwirtschaftlichen Erzeugung. Während ein halbes Grad zusätzliche Erwärmung für die europäische Landwirtschaft oft noch handhabbar scheint, bedrohen extreme Dürren die Existenz von Bauern im globalen Süden unmittelbar. Die Agrarwissenschaft fordert hier resiliente Anbausysteme, die durch Humusaufbau, Agroforstsysteme und schützende Grünstreifen die Extreme abfedern. Doch selbst wenn die Produktion klimaresilient ist, agiert in der Regel der internationale Handel ungerecht. Besonders das Beispiel Weizen macht die tiefe Exportabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten deutlich: Trotz des stark steigenden Weizenkonsums wird das Getreide primär importiert und schwächt damit lokale Agrarstrukturen. Die Industrie- und Exportnationen tragen hier die Verantwortung, faire Handelssysteme zu fördern, die lokale Wertschöpfungsketten stärken, anstatt sie durch exportorientierte Marktverzerrungen zu verdrängen.

Diese Schieflage spiegelt sich unmittelbar in der Ökobilanz wider. Würden alle Menschen so leben wie die europäische Bevölkerung, wären drei Erden notwendig. Einen Ausweg kann die sogenannte „Planetary Health Diet“ bieten, die eine drastische Reduktion tierischer Produkte erfordert, um die ökologischen Grenzen unseres Planeten einzuhalten.

Wie paradox das globale System weiter agiert, zeigt auch der Blick auf das Ende der Kette. Während ein Teil der Welt hungert, werden ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel ungenutzt entsorgt, die Hälfte davon direkt in den privaten Haushalten. Hier liegen unmittelbare Handlungsspielräume für uns alle. Um diese Verluste zu reduzieren und gleichzeitig Erzeugungsrisiken auf dem Feld fair zwischen Erzeuger:innen und Verbraucher:innen zu teilen, bietet z. B. die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) einen regionalen Gegenentwurf.

Angewandte Forschung – Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Angesichts dieser globalen Dimensionen kann die angewandte Forschung an einer Institution wie der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) gewiss kein Allheilmittel sein. In einem globalen System mit gefestigten Machtstrukturen wirken wissenschaftliche Lösungsansätze oft wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein – und zeigen dennoch konkrete Handlungsoptionen auf. Praxisnahe Initiativen wie das von der HSWT koordinierte EU-Projekt STREAMING, das an fairen und ökologischen Lebensmittelsystemen in afrikanischen Staaten arbeitet, oder das Verbundprojekt Green Futures zeigen, wie angewandte Wissenschaft eine gerechte Transformation Schritt für Schritt unterstützen kann. Sie lösen nicht die gesamte Krise, entfalten aber genau dort eine positive Wirkung, wo es darauf ankommt. 

Das Globo-Dinner (Pressemitteilung HSWT zum Event am 25. Juni 2026) zeigt deutlich, dass Veränderungen meist nicht an einem Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen scheitern, sondern an der Lücke zwischen Wissen und tatsächlichem Handeln. Erst die Verknüpfung von kognitiver Einsicht und emotionaler bzw. körperlicher Erfahrung von Ungleichheit kann verkrustete Denkmuster aufbrechen. Globale Ungerechtigkeit ist kein unabänderliches Naturgesetz, denn sie ist menschengemacht. Und genau deshalb liegt es an uns allen, sie durch verändertes Verhalten, systemische Verantwortung und fundierte wissenschaftliche Innovationen neu zu gestalten.

Der Abend entließ die Teilnehmenden mit nachdenklichen Fragen:

Woran merke ich selbst, dass ich Zugang zu Ressourcen habe, die anderen verwehrt bleiben? Und wann rechtfertigen wir globale Ungerechtigkeit – bewusst oder unbewusst – mit Schutzbehauptungen wie „Ich habe mir das verdient“ oder „Das System kann ich doch sowieso nicht ändern“?