• 29.07.2026
  • Werkstattgespräch
  • Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois

Empirische Studie: Frauen in der Landwirtschaft

Die Studierenden und ihr betreuender Professor halten ein Poster in die Höhe auf dem die Forschungsergebnisse ihrer Umfrage zur Stellung der Frauen in der Landwirtschaft dargestellt sind
Die studentischen Forscherinnen und Forscher mit Ihrem Betreuer Prof. Dr. Jörg Rühle © Klaus-Peter Wilbois

Im Rahmen des interdisziplinären Studienmoduls „Verfahren und Ökonomik der tierischen und pflanzlichen Erzeugung“ erstellten Studierende des Studiengangs Landwirtschaft Triesdorf eine empirische Studie mit dem Titel „Frauen in der Landwirtschaft“. Neben einer Literaturrecherche erfolgte eine Online-Umfrage im Format einer quantitativen Querschnittsstudie. Betreut wurden die studentischen Forschenden Luis Scherzer, Lena Klemens, Luisa Siegelin, Cora Brugger und Jana Stöffler von Prof. Dr. Jörg Rühle, Fakultät Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung. Die hohe Stichprobengröße von 2.200 Personen war eine ausgezeichnete Grundlage für fundierte und aussagekräftige Ergebnisse. Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois befragte die Studierenden über die wichtigsten Ergebnisse.

Wo erleben Frauen in der Landwirtschaft heute noch die größten Hürden – und wo hat sich bereits spürbar etwas verändert?

Weiterhin werden im Rahmen der traditionellen Hofnachfolge Höfe durch die patrilineare Erbfolge bevorzugt an Söhne übergeben. Hat eine qualifizierte Frau einen Bruder, sinkt ihre Chance auf die Nachfolge drastisch. Auffällig ist die extreme Doppelbelastung: Frauen leisten rund 80 % der unbezahlten familiären Sorgearbeit (Haushalt, Kinder, Pflege von Angehörigen) parallel zur zeitintensiven Mitarbeit im Betrieb. Während traditionelle Medien Frauen oft noch klischeehaft als „helfende Hand“ darstellen, versuchen sogenannte „Agrarfluencerinnen“ auf Social Media moderne und sichtbare Rollenbilder zu kreieren, um die digitale Sichtbarkeit zu erhöhen. 

Warum wird die Arbeit von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben oft erst sichtbar, wenn sie plötzlich fehlt?

Frauen leisten auf landwirtschaftlichen Betrieben oft unverzichtbare, aber wenig sichtbare Arbeit. Dazu gehören Organisation, Care-Arbeit, Buchhaltung und Betriebsmanagement. Diese Tätigkeiten werden häufig als selbstverständlich angesehen und statistisch kaum erfasst. Erst wenn Frauen ausfallen, wird deutlich, wie wichtig ihre Rolle für das Funktionieren des Hofes ist.

Was braucht es, damit Betriebsnachfolge stärker eine Frage der Eignung als der Tradition wird?

Dazu ist vor allem ein Umdenken in den Familien erforderlich. Töchter sollten die gleichen Chancen wie Söhne erhalten und früh an Verantwortung herangeführt werden. Gleichzeitig müssen bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, etwa was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie einen fairen Zugang zu Eigentum und Finanzierung betrifft. Auch außerfamiliäre Hofübergaben können dazu beitragen, dass fachliche Qualifikation stärker zählt als traditionelle Rollenbilder.

Welche Bedeutung haben Quereinsteigerinnen für die Zukunft der Landwirtschaft?

In der von uns durchgeführten Umfrage waren von den 323 Quereinsteiger:innen 62 % weiblich. Diese sichern als hochmotivierte Fachkräfte die Zukunftsfähigkeit vieler Betriebe.

Wie wirkt sich die Verantwortung zwischen Betrieb, Familie und Haushalt langfristig auf Frauen in der Landwirtschaft aus?

Diese Verantwortung führt bei vielen Frauen in der Landwirtschaft langfristig zu einer hohen Belastung. Die oft fehlende Trennung zwischen Arbeit und Privatleben erhöht das Risiko für Erschöpfung, Burnout und psychische Erkrankungen. Gleichzeitig arbeiten viele Frauen unbezahlt mit und bauen dadurch nur geringe eigene Rentenansprüche auf, was ihre finanzielle Absicherung schwächt. Zudem übernehmen sie nach der Geburt von Kindern häufig verstärkt Care-Arbeit und ziehen sich dadurch teilweise aus Führungsaufgaben im Betrieb zurück.

Dies wirkt sich auch auf die mentale Belastung der Frauen aus. In unserer Umfrage zur Projektarbeit schätzen 61 % (n = 1.344) der Befragten die mentale Belastung in der Landwirtschaft für Männer und Frauen als gleichermaßen hoch ein. Eine signifikante Minderheit von 27 % (n = 595) schreibt Frauen dagegen eine höhere mentale Belastung zu, wohingegen ca. 12 % (n = 264) diese primär bei Männern verorten.

Welche politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen würden Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben am meisten entlasten?

Entlastung käme vor allem durch bessere politische Rahmenbedingungen: dazu zählen ein gesetzlicher Mutterschutz für selbstständige Landwirtinnen, eine verlässliche und unbürokratische Betriebshilfe sowie eine bessere Altersvorsorge.

Wenn wir in zehn Jahren auf das Jahr der Frauen in der Landwirtschaft zurückblicken: Woran würden wir erkennen, dass es wirklich etwas bewegt hat?

Eine Rückschau aus dem Jahr 2036 heraus könnte zeigen, dass das Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft 2026 ein bedeutendes Impulsjahr war. Es hat Bewegung in die Agrarbranche gebracht und zugleich das gesellschaftliche Bewusstsein für Frauen in der Landwirtschaft geschärft. Welche konkreten Entwicklungen und nachhaltigen Veränderungen daraus entstanden sind, wird sich erst mit dem nötigen zeitlichen Abstand vollständig beurteilen lassen. Schon heute sind wir jedoch zuversichtlich, dass das Jahr 2026 dazu beigetragen hat, Politik und Gesellschaft ein Stück weiter in die richtige Richtung zu lenken.

Triesdorfer Werkstattgespräche

Die Triesdorfer Werkstattgespräche sind eine lose Reihe von fachlichen Interviews, die an den Fakultäten Landwirtschaft, Lebensmittel und Ernährung sowie Umweltingenieurwesen am Campus Triesdorf sowie am Biomasse-Institut am Innovationscampus Merkendorf geführt werden. Initiiert wurden diese von Prof. Dr. Klaus-Peter Wilbois, der auch zumeist die Interviews führt. Bisher gibt es folgende Interviews: