Innovative klimaverträgliche Moornutzung auf dem Musterbetrieb Karolinenfeld (KARO-Moor)
Die klimaverträgliche Bewirtschaftung von Moorböden, also die klimaneutrale bis klimapositive Nutzung ganzjährig nasse Nutzung von Flächen bedeutet einen substanziellen Technik- und Kulturwandel und steht wissenschaftlich, technisch und ökonomisch noch am Anfang. Erste vielversprechende Erfahrungen wurden im Rahmen der Projekte MOORuse und MoorBewi auf Parzellen-Massstab gesammelt. Das Bayerische Staatsgut (BaySG) „Versuchsgut Karolinenfeld“ bietet ein europaweit einzigartiges Testgebiet, um erstmal ein vielfältiges Nutzungsmosaik auf Landschaftsebene zu entwickeln und neue synergistische Ansätze beim Wassermanagement zu erproben. Die Projektpartner LfL, HSWT-PSC und BaySG bringen umfangreiche komplementäre Vorerfahrungen aus bisherigen Forschungs- und Umsetzungsprojekten mit, u. a. aus ihrer Zusammenarbeit im grossen Verbundprojekt MoorBewi. LfL und HSWT stehen im intensiven Fachaustausch mit den laufenden Moorschutzprojekten in Bayern, Deutschland und Nachbarstaaten. Die in diesem Projekt geplanten Lösungen beim Wassermanagement, bei Paludikulturen und für den Wissensaustausch wurden nirgendwo sonst versucht.
Arbeitsplan mit Arbeitspaketen (AP)
AP 1 Gesamtkonzept für das Versuchsgut Karolinenfeld (LfL mit BaySG, HSWT-PSC)
Bisher wurden in Karolinenfeld auf ca. 15 Hektar moorverträgliche Bewirtschaftungsformen mit passivem Wasserrückhalt entwickelt. Im Mai 2024 wurde eine Machbarkeitsstudie zum Wasserrückhalt auf dem gesamten Versuchsgut abgeschlossen. Die BaySG plant ausserdem eine Agro-Photovoltaik-Anlage. Auf dem 100 Hektar großen Wiedervernässungsraum sollen alle in Bayern möglichen Bewirtschaftungsoptionen, Innovationen beim aktiven Wassermanagement (AP 2) und innovative Umgestaltungen der Flur erprobt werden. Mit diesen Rahmenbedingungen entwickeln BaySG, LfL und HSWT gemeinsam das Gesamtkonzept für das Versuchsgut Karolinenfeld als Musterbetrieb für Forschung und Wissenstransfer mit einem hohen Anteil an Eigenleistung (Grobkonzept 11/2024-05/2025, Feinkonzept mit aktiver Wasserregelung bis 12/2025, anschliessend Umsetzung).
AP 2 Wasser (HSWT-PSC mit LfL und BaySG)
Kurze heftige Gewitter nehmen im Klimawandel zu. Die hochwassergefährlichen Abflusspeaks sollen erstmals in einem innovativen Landschaftsansatz für die klimaverträgliche Moornutzung genutzt werden. Wasser wird also aus benachbarten Gräben immer dann kurz und schnell ins Versuchsgut eingeleitet, wenn es im Überschuss vorhanden ist. Dieser Ansatz kann auf andere Moorgebiete übertragen werden und wird z. B. von Landwirten im altbayerischen Donaumoos bereits nachgefragt. Damit wird gleichzeitig ein aktives Wassermanagement auf dem Versuchsgut möglich, um auch im Sommer und erstmals grossflächig klimaschonende Zielwasserstände zu erreichen. Vorläuferprojekte haben gezeigt, dass die Qualität des Aufwuchses bei Nassgrünland und Paludikulturen nicht unter periodischem Überstau leidet.
Im Projekt werden die Planungen und wasserrechtlichen Schritte in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Kolbermoor und dem Wasserwirtschaftsamt Rosenheim durchgeführt (11/2024 - 10/2025), wissenschaftlich begleitet und in mehreren Schritten von ersten kleinflächigen Tests (2025) auf das Versuchsgut skaliert (2026/2027). BaySG, LfL und HSWT-PSC arbeiten mit ihrer komplementären Expertise zusammen. Die HSWT (PSC) bringt hydrologische Wissenschaftsexpertise auch in Eigenleistung ein.
AP 3 Paludikulturen (HSWT-PSC mit LfL und BaySG)
Während in Norddeutschland Schilf und Rohrkolben favorisiert werden, haben sich in mehrjährigen Vorprojekten des PSC in Bayern Rohrglanzgras (Phalaris arundinacea) und Grossseggen (Carex acutiformis) als produktiver und robuster erwiesen. Bayern hat bei Grossseggen ein Alleinstellungsmerkmal für eine Kultur mit grossen Potenzialen als Rohstoff in der Baubranche. Der Paludikulturanbau wird in drei Bereichen wissenschaftlich erprobt, die für die Skalierung auf grosse Flächen und Marktreife besonders kritisch sind:
- erhöhte Samenverfügbarkeit durch die Entwicklung und Einführung einer technischen Samengewinnung bei Grossseggen,
- die Etablierung von Seggen auf wiedervernässtem Dauergrünland ohne Narbenerneuerung als mögliche zukünftige Massnahme im Moorbauernprogramm, und
- hohe Substratqualitäten durch Ernte mit marktverfügbarer Moortechnik in einem Arbeitsgang.
Die gemeinsame Mahd- und Bergetechnik wird mit interessierten Firmen an das trockene, abgereifte Erntegut und die sehr grosse, dichte Biomasse angepasst. 2025 und 2026 werden dafür mehrere Hektar grosse Versuchsparzellen mit Grossseggen und Rohrglanzgras auf wiedervernässtem Dauergrünland angelegt und bestehende Versuchsflächen in Bayern mitgenutzt.
AP 4 Klimaschutz-Nachweis (HSWT-PSC)
Die Wiedervernässungsmaßnahmen in Karolinenfeld werden vom Peatland Science Centre (PSC) der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) hinsichtlich CO₂-Reduktion und CH₄-Emissionen untersucht. Zum Einsatz kommt die Eddy-Kovarianz-Technik, mit der sich insbesondere die Auswirkungen der periodischen Wassereinleitung auf den Polderflächen in Seggen- und Rohrglanzgras-Paludikultur erfassen lassen. Dabei werden sowohl mögliche Emissionsminderungen bis hin zu CO₂-Senken als auch potenzielle Trade-offs durch vermehrte Methanbildung berücksichtigt. Ein periodischer Überstau sollte die Gesamtjahres-Klimabilanz nicht beeinträchtigen, sofern Methanemissionen nicht durch zu lange Stauzeiten überhandnehmen. Um kritische Überstaulängen – etwa infolge von Starkregen – zu bestimmen, werden zusätzlich manuelle Haubenmessungen durchgeführt.
AP 5 Wissenstransfer (HSWT-PSC mit LfL und BaySG)