17. Weihenstephaner Gemüsebautag für den Freizeitgartenbau "Tomate 3.0 Update für Liebhaber

Update ist ein Schlagwort, das im Zeitalter der Digitalisierung häufig benutzt wird. Die dritte Neuauflage und Aktualisierung für ambitionierte Hobbygärtner und Gärtnerinnen gab es auch bei dem Thema "Tomaten". Das große Interesse an dieser Kultur zeigte sich auch in der Anmeldung. 190 Teilnehmer und Teilnehmerinnen folgten der Einladung und kamen an das Institut für Gartenbau der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Die Begrüßung und den ersten Beitrag einer bunten Palette an Kurzvorträgen übernahm Prof. Dr. Volker Henning.

Tomaten im Mittelpunkt
Tomaten im Mittelpunkt

Sortenvielfalt und Geschmack - Prof. Dr. Volker Henning

Ein komplexes Zusammenspiel von Sinneszellen der Nase und des Mundes führen zu dem Geschmack. Über 400 Duftstoffe/Aromen, die die Nase wahrnehmen kann, sind für Tomatenfrüchte bekannt. Die Frage nach der besten Sorte lässt sich allerdings nicht so einfach beantworten. Züchter müssen bei ihren Zuchtzielen nicht nur den Verbraucher bedienen, sondern gleichzeitig auch die Belange der Anbauer und des Handels berücksichtigen. Verkostungen bei Tomaten ergaben, dass der Geschmack von den persönlichen Empfindungen des Einzelnen abhängt. Das Zusammenspiel von Saftgehalt, Schalenfestigkeit und den Inhaltsstoffen wie Zucker, Säure und Aromastoffe beeinflussen das Urteil. Gut, dass bei der enormen Auswahl an Sorten für jeden Geschmack etwas dabei ist.

Prof. Dr. Volker Henning, HSWT
Prof. Dr. Volker Henning, HSWT
Sortenvielfalt eindrucksvoll präsentiert
Sortenvielfalt eindrucksvoll präsentiert

Bewässerung - Dr. Michael Beck

Wasser ist ein wichtiger Inhaltsstoff und Baustoff der Pflanze. Nährstoffe und Assimilate werden transportiert, aber auch für die Thermoregulation mittels verdampfenden Wassers aus den Spaltöffnungen hat es einen großen Stellenwert. Mit einem guten Bewässerungsmanagement kann der Anbauer aktiven Pflanzenschutz betreiben, Nährstoffe mobilisieren und unproduktive Verdunstung vermeiden. Bei jedem Gießvorgang gilt es, ein "zu viel" zu vermeiden, denn sonst besteht die Gefahr der Auswaschung von Nährstoffen. Eine Automatisierung der Bewässerung nimmt dem Hobbygärtner Arbeit ab und optimiert das Gießen. Dr. Beck stellte konkret mehrere Systeme für den Hobbyanbau vor und gab Richtwerte für Gießzeiten, Gießmengen und Investitionskosten.

Dr. Michael Beck, HSWT und Georg Baumgartner, LWG
Dr. Michael Beck, HSWT und Georg Baumgartner, LWG
Zubehör für eine automatische Bewässerung
Zubehör für eine automatische Bewässerung

Bestäubung und Fruchtansatz - Katrin Kell

Die Blüten der Tomaten sind zwittrig. Der Pollen sitzt gut verschlossen und sehr fest in den länglichen Staubbeuteln und muss durch Vibration herausgeschüttelt werden. In der Natur übernehmen Wind und Insekten die Bestäubung, im Gewächshaus unterstützen mechanische Hilfsmittel diesen Vorgang. Außer professionellen Geräten kann eine elektrische Zahnbürste beim sogenannten Trillern helfen. Im Erwerbsgartenbau haben Hummeln die Bestäubung übernommen. Mit ihrer Flugmuskulatur bringen sie die Blüte zum Vibrieren, schütteln so den Pollen heraus und transportieren ihn in ihrem Pelz von einer Blüte zu anderen. In Nützlingszuchten werden geeignete Hummelarten gezielt vermehrt, ausgeliefert und übernehmen dann in Obst- und Fruchtgemüsebeständen zuverlässig die Bestäubungsarbeit. Egal ob mechanisch oder durch Hummeln, nur bei passenden Klimabedingungen ist die Bestäubung erfolgreich. Dazu sollte die Luftfeuchtigkeit zwischen 50 % und 80 %, die Temperaturen zwischen 13 °C und 30 °C liegen.

Katrin Kell, HSWT
Katrin Kell, HSWT
Hummeln - wichtige Helfer bei der Bestäubung
Hummeln - wichtige Helfer bei der Bestäubung

Schadsymptome spezial - Thomas Jaksch

An erster Stelle der gefürchteten Tomatenkrankheiten vor allem im Freiland steht die Kraut- und Braunfäule (Phytophthora infestans). Der Pilzbefall beginnt an den unteren Blättern mit dunkelbraunen bis schwarzen Flecken, die dann auf Stängel und Früchte übergehen. Die Früchte sind ungenießbar. Das A und O der vorbeugenden Maßnahmen sind trockene Bestände. Das gilt in Richtung Regenschutz und Vermeidung von Taubelag als auch für Kulturmaßnahmen wie Ausgeizen und weite Pflanzabstände, die für eine gute Durchlüftung im Bestand sorgen. Mit einer Mulchfolienauflage kann die Infektion über die Dauersporen aus dem Boden erschwert werden.
Weitere Krankheiten sind z.B. die Samtfleckenkrankheit, Echter Mehltau und Rostmilben. Zu den wichtigsten nicht parasitären Krankheiten zählen Grünkragen, Wassersucht, geplatzte Früchte und die Blütenendfäule.

Blütenendfäule
Blütenendfäule
geplatzte Früchte
geplatzte Früchte

Nützlingseinsatz - Katrin Kell

Mittlerweile bieten Nützlingsfirmen auch für den Hobbyanbau Gegenspieler zu Schadinsekten. Weiße Fliege kann z.B. gut mit der Schlupfwespe Encarsia formosa in Schach gehalten werden, Florfliegen helfen bei der Blattlausbekämpfung. Zwar stellt der Einsatz von Nützlingen eine Herausforderung dar, aber wer rückstandsfreie Produkte aus dem Garten ernten will, stellt sich dem Thema.

Tomatendünger-Check - Katrin Kell

Wer umweltbewusst und verantwortungsvoll düngen möchte, kommt um eine Düngerberechnung und ein Abmessen der Menge nicht herum. Glücklicherweise gibt es Hilfestellungen z.B. durch den Leitfaden Düngung der HSWT/LWG oder das Programm DiG. Beides  kann kostenlos von der Internetseite der HSWT  herunter geladen werden. Eine Problematik der handelsüblichen Dünger ist die Tatsache, dass es sich dabei weitgehend um Mehrnährstoffdünger (N-P-K) mit unterschiedlichen Nährstoffgehalten handelt. Die meisten Gartenböden weisen aber bereits hohe Phosphat- und Kaliumgehalte auf, vor allem wenn mit Kompost gedüngt wird. Bei Verwendung von Gefäßen ist die Verwendung eines Mehrnährstoffdüngers durchaus sinnvoll.

Nach oben

ausgeprägter Nährstoffmangel
ausgeprägter Nährstoffmangel
Düngungsvarianten
Düngungsvarianten

Richtige Pflege - Thomas Jaksch

Wenn es um die Frage der Aufleitung oder des Ausgeizens geht, gilt es zu differenzieren, ob es sich um eine Buschtomate oder Stabtomate handelt. Buschtomaten sind daran zu erkennen, dass der Trieb mit einer Blüte endet. Sie benötigen keine Aufleitung und kein Ausgeizen. Stabtomaten dagegen benötigen eine Aufleitung an Stäben oder Schnüren. Für eine bessere Durchlüftung und Lichtgenuss sollten alle 8 bis 10 Tage die Geiztriebe sobald sie eine Länge von 5 bis 10 cm aufweisen ausgebrochen werden. Ein Entblättern der untersten 3 bis 4 Blätter ist aus phytosanitären Gründen sinnvoll.

Tomaten in der Kleingartenanlage
Tomaten in der Kleingartenanlage
Thomas Jaksch, HSWT
Thomas Jaksch, HSWT

Inhaltsstoffe | Zubereitung | Qualität - Katrin Kell

Den typischen Geruch der Tomaten verströmen die Drüsenhaare (=Trichome) auf Stängel und Blättern. Der Geruch hat mit dem Geschmack nichts zu tun, wird aber vom Verbraucher mit Frische assoziiert. Tomaten enthalten viel Vitamin A, B, C und E und sind reich an Lycopin. Lycopin färbt die Tomate rot und ist extrahiert als Lebensmittelfarbstoff E 160d in der EU zugelassen. Im menschlichen Körper kann es bestimmte reaktionsfreudige Moleküle unschädlich machen. Wer Tomaten kocht oder brät und mit Fett z.B. Salatöl kombiniert zu sich nimmt, kann die gesundheitliche Wirkung von Lycopin noch verbessern. Dem Menschen weniger zuträglich ist der Inhaltsstoff Solanin, eine schwach giftige Saponin-Verbindung. Vor allem beim Verzehr von größeren Mengen unreifer grüner Tomaten (auch in verarbeiteter Form) kann der Gehalt  zu Beschwerden führen. Reife rote und grünreifende Tomaten sind dagegen völlig unproblematisch. Eine Lagerung der Tomaten im Kühlschrank ist nicht sinnvoll, da die Früchte kälteempfindlich sind und unter diesen Bedingungen keine Geschmacksstoffe mehr bilden. An einem luftigen schattigen Platz bei 13-18 °C entfaltet sich das Aroma am besten. Unausgereifte Früchte reifen am besten nach, wenn sie mit Blütenansatz und Stängel an einem sonnigen Platz liegen. Da im Lagerprozess Säure stärker abgebaut wird als Zucker, werden die Tomaten mit Lagerdauer zunehmend milder bzw. fader. Reif und frisch geerntet bieten die Tomatensorten ihr volles Geschmackspotential.

 

Führungen am Nachmittag

Aufgeteilt in Gruppen konnten die Teilnehmer am Nachmittag auch die praktische Umsetzung vieler Informationen des Vormittags anschauen. An fünf Stationen war Gelegenheit, sich die Tomaten in allen Variationen anzuschauen, wertvolle praktische Tipps zu bekommen und Fragen zu stellen.

  • Sortendemonstration

Die Bandbreite der Tomatensorten gezeigt bei 100 Sorten war imponierend. Das große Spektrum hinsichtlich Fruchtgröße und Farbe war deutlich zu sehen.

'Green Sausage'
'Green Sausage'
'Zahnrad'
'Zahnrad'
'Black Patio'
'Black Patio'
'Marnero'
'Marnero'
'Osu Blue'
'Osu Blue'
'Johannistraube'
'Johannistraube'
'Green Zebra'
'Green Zebra'
'Crispino Plum'
'Crispino Plum'
  • Bewässerung

Als Ergänzung des Vortrags am Vormittag waren einzelne Komponenten einer automatischen Bewässerung zum "Anfassen" aufgebaut und ausgelegt. Georg Baumgartner, Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) Veitshöchheim, demonstrierte und erklärte das Zusammenspiel der Bauteile.

Georg Baumgartner, LWG Veitshöchheim
Georg Baumgartner, LWG Veitshöchheim
Ergebnisse der Düngungsversuche
Ergebnisse der Düngungsversuche
  • Düngung

Die Wirkung von 7 handelsüblichen Tomatendüngern im Vergleich konnte im Gewächshaus betrachtet werden. Die Dünger unterschieden sich in Nährstoffzusammensetzung und Granulierung. Entsprechend war an der Pflanzenentwicklung und Laubfärbung die unterschiedlich schnelle Nährstofffreisetzung gut zu erkennen. Anhand einer Düngungssteigerungsreihe wurde weiterhin gezeigt, wie sich Mangel und Überversorgung auswirken  Bei einer Überversorgung führt die Salzbelastung zu verstärktem Blattrollen, Einbrennen der Triebspritze und gehäuftem Auftreten von Blütenendfäule. Unterversorgte Pflanzen bleiben schwachwüchsig, haben deutlich hellere Blätter und bringen kaum Fruchtertrag.

  • Kleingarten

Im Kleingarten stehen 72 Sorten ohne Regendach, um mögliche Befallsunterschiede bei Kraut- und Braunfäule bonitieren zu können. Aufgrund der günstigen Witterung waren die Sorten zum Besichtigungszeitpunkt noch weitgehend gesund. Beim Rundgang konnten verschiedene Regendachvarianten vorgestellt werden. Neben dem Einsatz von hochtoleranten Sorten ist die Vermeidung von Blattfeuchte die bestmögliche Vorbeugung gegen pilzliche Erreger an Tomaten. Unterstützend müssen die Pflanzen gut durchlüftet sein. Besonders im Gewächshaus sollte man deshalb auf ausreichend Lüftungsmöglichkeiten achten. Hier kommt meist auch der Fruchtwechsel zu kurz. Dies begünstigt die Entwicklung von Bodenmüdigkeit und Welkeerscheinungen. Dazu wurde im Gewächshaus der Einsatz von Senfmehl demonstriert. Durch seine Schärfe weist es, 8 Tage vor Pflanztermin im Boden eingearbeitet, eine gewisse desinfizierende Wirkung auf. Die Varianten Tomaten mit und ohne Senfmehl unterschieden sich optisch deutlich in der Wachstumsentwicklung und Fruchtgröße.

  • Ausstellung

Spezielles fachliches Wissen, u.a. zum Pflanzenschutz oder zu Sorten konnten die Besucher auch an den verschiedenen Firmen-Informationsständen nachfragen. Verschiedene Sorten waren für die Verkostung vorbereitet; denn für die meisten Tomatenliebhaber ist der Geschmack ja das wichtigste Entscheidungskriterium.

Firmen-Informationsstände
Firmen-Informationsstände

Nach oben

Infodienst Weihenstephan - September 2017

Tagungsbericht Gemüsebautag für den Freizeitgartenbau

Verfasser

Franziska Kohlrausch
Institut für Gartenbau
Hochschule Weihenstephan-Triesdorf