Rindenrisse an Alleebäumen - Teil 3
 - Abb.1: Dendrometer an einem Stamm mit kleinen Rindenrissen
An Alleebäumen werden häufig vertikale Risse der Rinde festgestellt. Hauptsächlich kommen diese Risse an einigen Ahorn- und Lindenarten vor. Derzeit ist nicht bekannt, unter welchen klimatischen und physiologischen Bedingungen die Baumrinde aufreißt. Zur Untersuchung der möglichen Ursachen wurde eine Versuchsanlage mit 400 Alleebäumen angelegt, in der verschiedene Alleebaumarten und -sorten aus unterschiedlichen Herkünften enthalten sind. Untersucht werden die Einflüsse durch Klima, Düngung in der Baumschule und Änderung der Pflanz-Himmelsrichtung gegenüber der Himmelsrichtung am Baumschulstandort.
Temperaturunterschiede am Stamm Ursache von Rindenrissen können Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht aber auch zwischen Süd- und Nordseite der Bäume bei hoher Sonneneinstrahlung am Tag sein. Temperaturunterschiede führen zu Gewebespannungen, die von den Bäumen eventuell nicht toleriert werden. Gemessen wurden bis zu 47 °C Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht sowie bis zu 22 °C zwischen Süd- und Nordseite der Baumstämme. In Zeiten mit sehr niedrigen Lufttemperaturen (bis Minus 24 °C) und hoher Globalstrahlung im Januar traten keine sichtbaren Rindenrisse auf.
Stammumfangsänderungen Mit Dendrometern werden Stammumfangsänderungen mit einer Messgenauigkeit von 2 µm gemessen. In der Winterruhe der Bäume und bei tiefen Lufttemperaturen nimmt der Umfang der Bäume ab. Dabei bestehen Unterschiede zwischen Baumarten und Sorten. Acer platanoides, Acer platanoides 'Farlake's Green' und Acer platanoides 'Emerald Queen' verringern durch Frost (Minus 22°C) ihren Stammumfang bis 1,5 mm, während Tilia cordata und Tilia palida bis zu 3,5 mm und Tilia cordata 'Greenspire' ihren Umfang bis zu 5 mm verringern und bei zunehmender Lufttemperatur ihren vorherigen Umfang wieder erreichen.
Die untersuchten Tiliaarten- und Sorten reagieren auf tiefe Temperaturen mit größeren Stammumfangsveränderungen als die Acerarten- und Sorten.
Rindenrisse Die Rindenrisse traten nicht wie erwartet zu Zeiten tiefer Temperaturen in der Nacht und hoher Einstrahlung am Tag durch Dehnungs- oder Spannungsrisse, (sog. Frostrisse) gegen Winterende, sondern erst gegen Ende der Vegetationsperiode 2003 auf. Diese Rindenrisse sind nicht gleich sichtbar. Kurz vor den späteren Rindenrissen ist eine kleine radiale Dehnung der Borke mit einer leichten Vertiefung erkennbar. Mit zunehmendem radialen Wachstum und Zunahme des Stammdurchmessers reißt die Rinde vertikal, oft nur wenige Millimeter bis zu mehreren Dezimetern Risslänge, auf. Erste Rindenrisse waren ab August bis September, aber auch erst zu Vegetationsbeginn 2004 erkennbar. Schon bei Risserkennung im September waren Überwallungen der Risse unter der Borke ausgebildet. Rindenrisse wurden hauptsächlich auf der Süd- bis Südwestseite des Stammes beobachtet. Als Ursache werden Gewebespannungen angenommen, die während des vorausgegangenen Winters durch hohe Temperaturschwankungen ausgelöst oder durch hohe Bestrahlung der Südseite des Stammes durch die Sonne im Sommer entstanden sind.
 - Abb.2: Rindenriss an einem Acer
Da die Rindenrisse hauptsächlich gegen Ende der Vegetationsperiode beobachtet wurden, kann die Ursache auch im sekundären Dickenwachstum der Baumarten und Sorten (Klone) liegen. Das meristematische Kambium (Initialschicht) von Gymnospermen und dikotylen Angiospermen teilt sich durch tangential eingezogene Zellwände, wobei die neu gebildeten Zellen nach innen und außen geschoben werden und sich nach mehrmaliger Zellteilung in Xylem und Phloem umwandeln. Die ständige Erzeugung neuer Zellen nach innen hat eine ständige Umfangserweiterung des Baumstammes zur Folge, dem das Kambium und Phloem folgen muss. Dazu müssen laufend zusätzlich radiale Wände im äußeren Kambium und Phloem gebildet werden. Kann die radiale Zellteilung nicht folgen, kommt es zu Gewebespannungen im Kambium und Phloem, was letzendlich dann zu Rindenrissen führt.
Rindenrisse bei Tilia Rindenrisse traten hauptsächlich auf der Stammsüdseite bis Südwestseite auf. Erste Rindenrisse wurden Ende Juli bis Anfang September in 20 bis 80 cm Stammhöhe über dem Boden festgestellt.
Von den gepflanzten Tiliaarten- und Sorten haben bisher Rindenrisse: Tilia cordata 'Greenspire' 5 % Tilia x europaea 'Pallida' 4 % Tilia cordata 3 %
Rindenrisse bei Acer Rindenrisse gab es hauptsächlich auf der Stammsüdseite bis Südwestseite in 10 cm bis 90 cm Stammhöhe. Erste Rindenrisse wurden, wie bei den Tilia, ab Ende Juli bis Anfang September beobachtet.
Von den gepflanzten Acerarten- und Sorten haben bisher Rindenrisse: Acer pseudoplatanus 'Emerald Queen' 31 % Acer platanoides 'Farlake's Green' 29 % Acer platanoides 17 % Acer pseudoplatanus 8 % Acer pseudoplatanus 'Rotterdam' 3 %
Bisher ist noch kein Baum infolge eines Rindenrisses abgestorben. Saftaustritt
 - Abb.3: Vertrockneter Saftaustritt an einem Acer mit nachfolgender Rotpustelkrankheit nach Absterben des Baumes (Saftaustrittsstelle ist rot markiert).
Noch vor den ersten Rindenrissen wurde im Jahr nach der Pflanzung, Ende Februar bis Anfang März 2003, hauptsächlich an Acer pseudoplatanus 'Negenia' und Acer platanoides 'Emerald Queen' aber auch bei Acer platanoides Saftaustritt am Stamm festgestellt. Saft kam aus scheinbar intakter Rinde und früheren Astschnitten. Der Saftaustritt dauerte ca. zwei Wochen und kam an allen Himmelsrichtungen, vom Stammfuß bis zum Kronenansatz in ca. 2,5 m Höhe, meist an mehreren Stellen am Stamm vor. Zu Beginn der Vegetationsperiode, im April 2003, trieben diese Bäume noch aus. Mitte Mai begannen viele der Bäume mit vorherigem Saftaustritt zu welken und waren bis Anfang Juli 2003 abgestorben.
Von den gepflanzten Acerarten- und Sorten sind bisher abgestorben: Acer pseudoplatanus 'Negenia' 64 % Acer platanoides 'Emerald Queen' 23 % Acer puseudoplatans 17 % Acer platanoides 10 % Acer pseudoplatanus 'Rotterdam' 3 %.
Von allen Tiliaarten- und Sorten wurde nur an einer Tilia cordata Saftaustritt festgestellt, die inzwischen abgestorben ist.
Das Versuchsjahr 2003 war geprägt durch große Trockenheit am Versuchsstandort in der Münchner Schotterebene. Einflüsse auf das Versuchsergebnis sind nicht auszuschließen. Nach den bisherigen Beobachtungen könnte die veränderte Pflanzhimmelsrichtung gegenüber der Himmelsrichtung am Baumschulstandort, die Düngung in der Baumschule oder auch die Anfälligkeit einiger Arten und Sorten (Klone) mitverantwortlich bzw. eine Rolle spielen. Es ist aber noch zu früh um weitergehende Aussagen zu machen. Die Untersuchungen wurden im Rahmen von zwei Diplomarbeiten unterstützt.
Dipl.-Ing. (FH) Jakob Rannertshauser Institut für Gartenbau |