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Blickpunkt 2

Frucht- und Geschmacksqualität „alter“ Apfelsorten im Vergleich zu wichtigen Marktsorten

Im Zuge der Verstädterung und der zunehmenden Marktbeherrschung durch den Lebensmitteleinzelhandel sind alte Apfelsorten immer mehr in den Hintergrund geraten. Aus marktstrategischen und produktionstechnischen Gründen besteht das Apfelsortiment daher nur noch aus wenigen, meist neueren Sorten.
Die Nachfrage von Verbrauchern nach alten Apfelsorten ist jedoch in den letzten Jahren stark angestiegen. Verbraucher glauben, alte Sorten aus „Grossmutters Garten“ schmeckten besser als die neuen, überall erhältlichen Marktsorten und müßten daher wieder mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Liegen diesem Trend tatsächlich bessere Eigenschaften der in Vergessenheit geratenen Sorten zu Grunde oder ist er eher nostalgischer Natur?
Die auch im Obstbau sich immer mehr verschärfende Konkurrenzsituation hat dafür gesorgt, dass die Ansprüche an eine Apfelsorte stetig höher geworden sind. Es werden nur noch Früchte gewünscht, die sowohl äußerlich als auch innerlich eine optimale Qualität aufweisen, d.h. die Schale muss frei von Krankheits- und Schädlingsbefall sein, die Früchte sollen attraktiv, sortentypisch ausgefärbt und gleichmässig sein, sie müssen eine optimale Grösse aufweisen und dazu einheitlich groß sein. Zudem soll das Fruchtfleisch fest, saftig und frei von Mängeln sein, die Schale sollte weich und nicht zu wachsig sein, die Früchte müssen ein ausgeglichenes Zucker-Säure-Verhältnis haben und ein sehr gutes, lang anhaltendes Aroma besitzen. Außerdem sollten Äpfel lange lagerbar, transportfähig und wenig druckempfindlich sein.
Um der Sortenfrage bzw. -eignung auf den Grund zu gehen wurden und werden immer wieder Frucht- und Geschmackstests durchgeführt. Besonders an obstbaulich wichtigen Standorten, wie z.B. am Bodensee oder am Institut für Obstforschung in Dresden-Pillnitz sowie an der Fachhochschule in Weihenstephan stehen Frucht- und Geschmackstests alter und neuer Apfelsorten regelmäßig auf dem Programm. Bei diesen Tests beurteilen sowohl Verbraucher als auch professionelle Verkoster ausgewählte Apfelsorten nach den oben aufgeführten Kriterien. In den letzten 15 Jahren wurden als alte Apfelsorten vor allem die Sorten ‘Danziger Kantapfel’, ‘Kaiser Wilhelm’, ‘Winterrambour’, ‘Goldparmäne’ und ‘Freiherr von Berlepsch’ in die Vergleiche einbezogen, während als „moderne“ Apfelsorten die Sorten ‘Cox Orange’, ‘Elstar’, ‘Jonagold’, ‘Pilot’, ‘Pinova’ und ‘Gloster’ bevorzugt hergenommen wurden.
Bei diesen Verkostungen wurden ‘Jonagold’, ‘Elstar’ und weitere bekannte, überall erhältliche Apfelsorten durchweg am besten beurteilt. Sorten wie ‘Danziger Kantapfel’, ‘Winterrambour’ u.a. erhielten von Verbrauchern und professionellen Verkostern gleichermaßen schlechte Noten. In den letzten drei Jahren wurde auch die neue schorfresistente Sorte ‘Topaz’, die vor allem im Bioanbau Verwendung findet, in die Tests mit einbezogen und hat seitdem in der Beliebtheitsskala bereits Platz drei erobert.


Foto: Die schorfresistente Apfelsorte 'Topaz'

Meist schmecken alte Apfelsorten zu säuerlich oder gar fade, was allgemein von den Konsumenten für den Frischverzehr weniger erwünscht ist. Es gibt jedoch auch Sorten, die alt aber trotzdem „modern“ sind, wie z.B. die Apfelsorte ‘Cox Orange’. Außerdem gibt es alte Sorten, die geschmacklich durchaus hochwertig und vergleichbar sind, wie z.B. `Berlepsch´, die aber aus produktionstechnischen Gründen oder wegen zu kurzer Haltbarkeit nicht als Tafelapfel für den Erwerbsobstanbau in Frage kommen. Anhand von Sortenuntersuchungen ist klar zu erkennen, dass die typischen Marktsorten qualitativ am wertvollsten sind, besonders aufgrund des harmonischen Zucker-Säure-Gehalts, der Saftigkeit, der Fruchtfleischfestigkeit und auch der Fruchtgesundheit.
Auch Gartenbaustudenten der Fachhochschule Weihenstephan stellten entgegen aller Erwartungen fest, wie wenig attraktiv alte Apfelsorten sind. Hier wurden 2002 im Rahmen des Schwerpunktfaches Obstbau mehrere Apfelsortentests durchgeführt. Alte und neue Sorten wurden von 26 Studenten ebenfalls nach äußerer und innerer Qualität beurteilt sowie nach der Eignung als Tafelapfel oder Mostapfel. Es war auffallend, dass nur eine sehr geringe Anzahl alter Sorten geschmacklich mit den typischen Marktsorten mithalten konnte. Von den oben aufgeführten alten Apfelsorten, wurde nur die Sorte `Kaiser Wilhelm´ vom Geschmack her als Tafelapfel eingestuft. Insgesamt erhielten von den 72 untersuchten, alten Apfelsorten lediglich 18 Sorten die Eignung als Tafelapfel.
So zeigen Verbraucher zwar immer wieder ein hohes Interesse an alten Sorten, müssen aber gleichzeitig feststellen, dass bis auf wenige Ausnahmen, alte Apfelsorten geschmacklich und optisch mit den modernen Sorten nicht konkurrieren können.
Im Bereich des Streuobst- und Liebhaberobstbaus ist jedoch der Erhalt einer möglichst breiten Sortenvielfalt wünschenswert und dafür sind die alten Sorten in jedem Falle unersetzlich. Für die häusliche Verarbeitung und den raschen Verbrauch der Früchte nach der Ernte sind viele alte Apfelsorten, wie z.B. ‘Berlepsch’ und ‘Kaiser Wilhelm’ hervorragend geeignet und sollten daher entsprechend berücksichtigt werden. In Bezug auf den Frischverzehr von Äpfeln wird allerdings deutlich, dass die steigende Nachfrage nach alten Apfelsorten wohl eher einen nostalgischen Hintergrund hat.

Katrin Zimmermann, Schwerpunkt Obstbau 2002/03